Anruf aus der Zentrale: Koll. A mit 40 Stunden wird abgezogen, dafür kommt Koll. B mit 30 Stunden. Zwei Monate später heißt es: auch Koll. B muss leider abgezogen werden, es gibt vielleicht eine Hilfskraft mit 16 Stunden usw. Mit diesem kalten Gang der Personalreduktion waren in den letzten Monaten immer mehr Zweigstellen der Wiener Büchereien konfrontiert. Auf Proteste und Hinweise auf Entlehnzahlen und Büchereiaktivitäten heißt es dann: Ja leider, man wisse, dass die Zweigstelle einen Aufwärtstrend habe, aber das Personal sei knapp und werde immer knapper. Lösung sei leider keine in Sicht, weil allgemeiner Personalstopp im Magistrat.
Umso erstaunter waren die BibliothekarInnen, als ihnen gestern mitgeteilt wurde, dass eine neue Hierarchieebene zwischen den Büchereizweigstellen und der Zentrale eingezogen werde: RegionalleiterInnen, welche die Oberhoheit über mehrere, in Regionen zusammengefasste Büchereien hätten. Was sie genau machen sollen, außer Urlaubs- und Vertretungseinteilung, ist noch unklar. Umso klarer ist, dass für diese Positionen höher bewertete Posten vorgesehen sind.
Aller Voraussicht nach werden die Posten aus den Zweigstellen abfließen, von dort also, wo die Schnittstelle zwischen BüchereibenutzerInnen und Bücherei ist.
Womit sich der oben skizzierte Ablauf auf höherer (bzw. personalmäßig niederer) Stufenleiter wiederholt.
Damit setzt sich der Trend der letzten Jahre fort: Aufblähen der Verwaltungs-, Controlling- und anderer Stabsposten des Büchereisystems und der Magistratsabteilung parallel zur Ausdünnung des Personalstands unten. Gleichzeitig werden Überwachungs- und Kontrollfunktionen ausgeweitet und verschärft, verwaltungstechnisch ist dies aber von den kontrollierten Bediensteten selbst zu bewältigen: Listen und Listen sowie Listen von Listen mit gestaffelten Ablage- und Abrufzeiten.
Die Zeit für inhaltliche Arbeit, für Bestandsaufbau etc. wird immer knapper. Und wenn BüchereibenutzerInnen eingehender beraten werden, dann wird das als “Luxus” angesehen. Denn zum eigentlichen Kerngeschäft zählt immer weniger die Tätigkeit vor Ort, also die ganz konkrete Bücherei mit ganz konkreten LeserInnen und BibliothekarInnen, sondern symbolisches Handeln via Presseaussendungen und Fotoshootings.
Produktive Arbeit ist in der Hierarchie ganz unten angesiedelt, umgekehrt sind jene Tätigkeiten, die vom Inhalt her eigentlich Servicefunktionen für die Büchereiarbeit haben, zu Befehlszentralen formiert.
Administration schlägt Facharbeit. Bürgerkontakt wird zur bloßen Funktion für politische Selbstbeweihräucherungen. Das Wasser fließt von unten nach oben.
2 Responses to “Büchereien: Neue Hierarchieebene trotz Personalnot”
Kommentar