Ideen auf dem Markt (2)

Wie im vorigen Artikel, Ideen auf dem Markt, berichtet wurde, sind die “Idea-Stores” nunmehr als geistiges Strandgut auch an die Stadt an der Donau angeschwemmt worden und sollen einer teilamputierten Bücherei als Konzept übergestülpt werden. Mit dieser dankbaren Aufgabe ist die Leiterin dieser Bücherei beauftragt worden, was mangels eines generellen Konzepts für die Wiener Büchereien zwar einen Ritt über den Bodensee darstellen würde, aber heutzutage eher durch einen Flug nach London und retour zu bewerkstelligen ist. Dort sollte sie die Idea Stores vor Ort studieren, konzeptionell für die Bücherei Schuhmeierplatz adaptieren und kommenden Dienstag in der Jahresendversammlung der Wiener BibliothekarInnen präsentieren.
Die bauliche Substanz der Londoner und der Ottakringer Einrichtungen wurde im vorigen Artikel gezeigt. Aber auch der Vergleich der räumlichen Bedingungen im Inneren ist ein Bild wert:


Und schließlich scheint auch die Benutzbarkeitsdauer eine gewisse Rolle für den Erfolg zu spielen. Bei der Darstellung der Öffnungszeiten konnten jene der Ottakringer Bücherei platzsparenderweise in die Anzeigetafel der Londoner eingepasst werden:

Man sieht, die Voraussetzungen für die Verpflanzung von Idea-Stores-Ideen ins schöne Ottakring sind nahezu ideal.

Was kann also von den Idea-Stores-Ideen in Wien gelernt werden?

Beispiel regionale Vernetzung mit anderen Einrichtungen. Eine solche gibt es seit Anfang der 80er-Jahre in der Siedlungsbücherei Am Schöpfwerk. Die vor Ort wirkenden sozialen, kulturellen Einrichtungen hatten sich zu einem Regionalteam zusammengeschlossen, welches rasch und unbürokratisch bei der Bewältigung der erheblichen sozialen Probleme in der neu erbauten Siedlung am Stadtrand reagieren konnte. Die Bücherei fungierte sozusagen als neutraler Boden und diente unter anderem als Informationsrelais, als Veranstaltungsort für Bürgerversammlungen. Nach zehn erfolgreichen Jahren wurde diese Zusammenarbeit mit dem Antritt eines neuen Büchereileiters gekappt. Nach dem Schöpfwerker Modell hatte sich auch in einem anderen Bezirk, in Margareten, eine solche Regionalplattform gebildet, in der die Bücherei ebenfalls sehr aktiv und erfolgreich tätig war. Nach einigen Jahren erfolgte durch einen Wechsel in der Büchereileitung und durch Personalreduktion ein Rückzug aus dieser bis dahin sehr erfolgreichen Gemeinwesenarbeit.

Beispiel Zusammenarbeit mit anderen Bildungseinrichtungen. In der Margaretner Bücherei gab es den Versuch, mit der nahe gelegenen Volkshochschule zusammenzuarbeiten. Wurde von dieser aber nicht goutiert, da diese in der Bücherei eine Konkurrenz zum VHS-eigenen Buchladen und Skriptenverkauf sah.
Weiters gibt es einige Büchereien, die mit einer Volkshochschule im selben Gebäude logieren. Von einer Zusammenarbeit ist nichts bekannt. In der neuen Simmeringer Bücherei ist allerdings eine solche geplant. Angesichts der personalen Unterbesetzung dort sind die Erwartungshaltungen in dieser Hinsicht aber gering.

Beispiel attraktives Gebäude mit großem Medienangebot. Findet man in Wien in der 2003 neu gebauten Hauptbücherei. Errichtet an der Grenze zwischen “feineren” Innenbezirken und den erheblich weniger feinen Außenbezirken, hat sie einen großen Anteil an der Revitalisierung des Gürtelbereichs, ist Anziehungspunkt für die unterschiedlichsten Bevölkerungsschichten mit einem hohen Anteil an jugendlichen MigrantInnen, nicht zuletzt wegen der frei zugänglichen “Computergalerie”. Es gibt zahlreiche Bildungs- und Fortbildungsangebote und andere Initiativen, welche entsprechend den Bedürfnissen und den Anforderungen immer wieder adaptiert werden. Das ehrgeizige und qualitativ hochwertige Veranstaltungsprogramm hat die Gürtelbücherei innerhalb weniger Jahre zu einem der wichtigsten Kulturangebote werden lassen.

Auch für andere Aktivitäten der Idea-Stores lassen sich entsprechende, in Wien bereits verwirklichte, Beispiele finden. Dass manches wieder eingestellt wurde, liegt einerseits am weitgehenden Desinteresse des den Büchereien überstülpten Beamtenapparats, was jede nicht ausdrücklich von oben anbefohlene Initiative als Luxus erscheinen läßt, und andererseits an den zwei wesentlichen Dingen: Geld und Personal. Also eigentlich nur an einem: Das lächerlich geringe Budget für die Wiener Büchereien. Da laufen sich Engagement und Ideen früher oder später tot. Verschärft wird diese Situation durch eine Leitung, die sich nur noch als Befehlsempfänger und -weitergeber verstehen darf und von der das ruhig Halten der Belegschaft und politisch gut verkaufbare Büchereiperformance verlangt werden. Und nicht zuletzt die Bereitschaft, sich öffentlich zum Tölpel zu machen, indem Vorgaben der politischen Ebene (was in Wien die Parteisekretariate der SPÖ bedeutet) wie die Öffnungszeitenreduzierung der Ottakringer Bücherei zugunsten von Parteieinrichtungen als bibliothekarische Entscheidungen verteidigt und mit Mascherl wie “Idea Stores” behübscht werden.

Womit wir wieder beim Thema sind, das wir nie verlassen haben.

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