Ideen auf dem Markt

Wie bereits mehrfach berichtet, wurden der sehr gut frequentierten Bücherei im Herzen Ottakrings im letzten Sommer Hals über Kopf  die Öffnungszeiten halbiert. Anfangs hieß es, dass diese Maßnahme wegen Entspannung der Personalsituation  gesetzt worden sei und es ohnehin leicht erreichbare Büchereien in der Nähe gebe; dann wurde behauptet, dass die Verminderung des Angebots der Leseförderung diene und schließlich erwuchs aus der Teil-Schließung ein “Pilotprojekt”: “Idea Store” heißt das neue Wort, welches seit anfang der Nuller-Jahre etliche Zeit als Running Hype in der nach griffigen Projekten gierenden Bibliothekengemeinde herum gereicht wurde.

Hier einige Beschreibungen und Eindrücke zu den Idea-Stores:

Infobib » Idea-Stores

Die „Idea Stores“ gelten als bislang ehrgeizigster Versuch in Großbritannien, mit kulturellem Engagement den Kampf gegen Arbeitslosigkeit, Jugendkriminalität und Gewalt aufzunehmen. Und die „Idea Stores“ gelten als mögliches Exportmodell –auch in deutschen Metropolen wie Berlin könnte sich das Ideenkaufhaus bewähren.

Idea Stores (Les) – Notice bibliographique | enssib

Die Idea Stores sind aus dem Wunsch heraus entstanden, Bibliothek und Weiterbildungszentrum in einem Londoner Stadtteil, dessen kontrastreiche Bevölkerung diese Orte wenig besuchte, zusammenzulegen. Dank einer Strategie zur Rückeroberung der Besucher, die in einer Suche der besten Standorte, architektonisch ansprechender Auswahl und einem breiten Öffnungsausmaß, in kulanten Vorschriften – Geräusche und Verzehr von Getränken und Nahrung sind gestattet -, in dem Wunsch, alle Gruppen zu empfangen und in der Vermehrung der Dienstleistungen und angebotenen Aktivitäten zum Ausdruck kommt, sind sie auf einen sofortigen und beeindruckenden Erfolg gestoßen.

citydidactics

Die “Idea-stores” sind ein großartiges Konzept aus London! Sie sind eine Mischung aus Bibliothek und Gemeindezentrum. Sie bieten Bildung nicht nur in Form von Büchern, sondern auch Fortbildungen, Aktivitäten, Kurse für die Anwohner und für jedes Alter an. Errichtet und entwickelt wurde das Konzept für soziale Brennpunkte und es soll besonders Bürger mit migrantischen Hintergrund ansprechen und ihnen eine Teilhabe am öffentlichen Leben ermöglichen. Die vier idea-stores, die es bisher gibt, sind von vier verschiedenen Architekten entworfen worden.

… und jede Menge Bibliotheken | LIS TRAVELER

Die sogenannten Idea Stores existieren erst seit wenigen Jahren: Der erste Store wurde 2002 eröffnet, mittlerweile gibt es vier Einrichtungen dieser Art. Grundidee des vor rund 10 Jahren vorgelegten Konzepts war es, traditionelle Bibliotheksdienstleistungen aufzugreifen sowie zu modernisieren („library renewal“) und diese mit lebenslangem Lernen („lifelong learning“) und einer ausgeprägten Arbeit in den lokalen Communities („community renewal“) zu verbinden.

Idea Stores aus der Nähe : MBI Blog

Mein erster Eindruck verblüffte mich ein wenig – Canary Wharf ist ein Büroviertel, ausschließlich aus Glasfassaden hochgezogener Bürotürme bestehend. Was tut also eine öffentliche Bibliothek hier? Inmitten dieses fast schon surrealen Ambientes (im unterirdischen Bereich dieses Viertels wimmelte es nur so von grauen und schwarzen Anzügen, es waren Tausende.

Die Bibliothek gefiel auf den ersten Blick: sehr modern, sehr transparent. Rund 1/3 der Gesamtfläche war Internet-Arbeitsplätzen gewidmet, ich zählte rund 40 Geräte. Interessant war auch, wer dort Platz genommen hatte: die Grau- und Schwarzanzüge. Bei meinem Rundgang durch die Bibliothek fand ich dann doch noch eine zweit Gruppe vor – Mütter mit ihren Säuglingen. Offenbar ein regelmäßiges Treffen, denn jeder schien jeden zu kennen.

Aus dem Obigen und aus zahlreichen übers Googeln abfragbaren Quellen lassen sich für das Gelingen dieses Büchereikonzept folgende Voraussetzungen ausmachen:

  • Großes, geräumige Gebäude mit beeindruckender Architektur;
  • Umfangreiches und attraktives Medienangebot für die zu erwartenden BenutzerInnen;
  • Großzügige Öffnungszeiten, möglichst rund um die Uhr;
  • Keine künstlichen Hemmschwellen und sehr lockere Benutzungsordnung;
  • Ein ausreichend vorhandenes und “open minded” Personal, mit hoher sozialer Kompetenz und Belastbarkeit;
  • Vernetzung mit regionalen und überregionalen Einrichtungen;
  • Jederzeit adaptierbare Bildungsangebote vor Ort;
  • Hochwertiges und auf die vielfältigen Erwartungen angepasstes Veranstaltungsprogramm;
  • Die Bereitschaft, auf neue oder neu erkannte Bedürfnisse flexibel zu reagieren;
  • Entsprechend hohes Budget.

Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, dann wird wohl jede Bücherei in jedem Stadtteil jeder Stadt der Welt ein Erfolg. Egal welches ideologische Konzept dahinter steht. Beim “Ideas-Stores-Konzept” sind in diesem Zusammenhang eindeutig  kommodifizierende Transformationsschritte auszumachen, wie:

  • die Mischfinanzierung durch Öffentliche Gelder und private Sponsoren (Handelsketten);
  • Prekäre Anstellungsverhältnisse (nur Jahresverträge);
  • Verzicht auf bibliothekarische Kompetenz zugunsten “sozialer” ;
  • “Markenname” Idea-Stores statt Public Library aus Marketinggründen;

Wenn man die Ideologie beiseite läßt, dann bleibt aus all dem eine ambitionierte Bücherei übrig, wie es sie in der ganzen Welt in den Ländern mit hochentwickelten Büchereisystemen gibt. Das ist immerhin einiges wert. Allerdings scheinen die ideologischen Elemente nicht nur Beiwerk zu sein, sondern dürften für eine geänderte Haltung zum öffentlichen Büchereiwesen stehen, wie für die Tony-Blair-Jahre nicht untypisch. So ist eine Mischfinanzierung in einem Land, dessen Büchereien bislang vollständig durch Öffentliche Gelder finanziert wurden, ein Einbruch marktorientierter Interessenslagen. Über die Ökonomisierung von Bildungseinrichtungen gibt es inzwischen eine recht zahlreiche (kritische) Literatur.  Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass sich die Privaten bei schlechterer Wirtschaftslage wieder zurückziehen. Ironischerweise ist in Großbritannien die Finanzierung weniger durch die Privaten gefährdet, sondern durch die Ausrichtung der Olympiade durch Großbritannien, was die Öffentlichen Kassen leer räumt. Ganz zu schweigen von der inzwischen hereingebrochenen Finanzkrise. Dass prekäre Arbeitsverhältnisse schlecht zu Tätigkeiten im Öffentlichen Auftrag passen,  ist das eine. Dass sie immer mehr auch im Öffentlichen Dienst eine Rolle spielen, das andere, wie zuletzt hier zu lesen war. Aber auch hier. Der Verzicht auf bibliothekarische Kompetenz hat inzwischen zu Beschwerden der BenutzerInnen geführt, die Auskunft über die von ihnen gesuchte Literatur wollen und keine Animation. Hier soll in einigen “Idea-Stores” bereits reagiert worden sein und BibliothekarInnen wieder eine Anstellungschance bekommen. Das Orientieren auf den “Markennamen” irritierte viele BenutzerInnen, die nach wie vor in eine Bibliothek gehen wollen und nicht in einen verwechselbaren “Store”. Ideas hin oder her.

Abschließend zwei Absätze aus einem Aufsatz, in dem der Frage nachgegangen wurde, wie sich die “Idea-Stores” heute präsentieren. Als Fazit ist daraus zu entnehmen, dass es weiterhin gute Büchereien sind, aber einiges von den hohen Erwartungen zurückgenommen werden musste. Und dass die propagierte Leitidee der Herstellung von Chancengleichheit durch dieses Büchereikonzept heute, angesichts der veränderten politisch-sozialen und ökonomischen Verhältnisse, eigentümlich antiquiert wirkt:

“… the Idea Stores represent a moment where the market and the state seemed able to work together to regenerate, in a flush of growth, the impoverished inner cities. The architecture of the Idea Stores fused the civic and the commercial, but their imitators are almost all in the commercial rather than the public sector.”
“Architecture doesn’t, alone, solve social problems – and the idea that a façade can be ‘egalitarian’ shows a confusion between form and content. But the visual language of public buildings is an important statement of the value that the state places in a community.”

Doch nun zurück an den Anfang. Eine Kollegin wurde also nach London geschickt, um aus der Fülle der Idea-Stores-Ideen zu schöpfen und für Ottakringer Verhältnisse zu adaptieren.
Um die Größenverhältnisse nicht aus den Augen zu verlieren, hier eine Bildmontage von London und Ottakring:

Dieses Bild wollen wir bei der Fortsetzung, Ideen auf dem Markt (2), im Auge behalten.

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