Sechs Frauen suchen einen Autor

Luise F. Pusch berichtet in ihrem aktuellen Blogbeitrag über die Weigerung der Betreiberinnen der Website in.put – Wissen für junge Köpfe,  geschlechtsneutrale Formulierungen zu verwenden:

“Deshalb lehnen wir eine Änderung des Begriffs in seine weibliche Form ab, da diese uns unnötig und als der Gleichberechtigung entgegengesetzt erscheint. Wir sind zwar dem Geschlecht nach Frauen, aber im Rahmen der Arbeit an der Website waren wir in erster Linie Journalisten.”

Zum Zeitpunkt dieser aus einem Briefwechsel her rührenden Feststellung waren es 12 Autorinnen, die sich an dem Projekt beteiligten (2008 waren es sechs, daher der an Pirandello gemahnende Titel), die wenigstens einen männlichen Teilnehmer gebraucht hätten, um nicht hinter den Stand  geschlechts(un)spezifischer Schreibweise der tiefen 50er zu fallen, wie Pusch anmerkt:

“Falls diese jungen Frauen und “Autoren” überhaupt Feministinnen sind (vielleicht eher Feministen?), sind sie jedenfalls keine heutigen, sondern von vorgestern. So wie sie argumentierten wir nicht einmal in präfeministischen Zeiten. 18 Autorinnen waren schon in den 50er und 60er Jahren 18 Autorinnen. Kam ein Autor hinzu – ja dann waren es plötzlich 19 Autoren. Bis Kate Millett auf den Plan trat und all die anderen.”

Doch das scheint Schnee von gestern zu sein, denn wie sonst könnten Frauen von heute zu Formulierungen finden, denen man eher auf Blogseiten von ernsthaftigen Männern zu begegnen erwartet, die glauben, sich nun aber echt wirklich mit sprachlichem “Gender-Wahnsinn” auseinander setzen zu müssen:

“Trotzdem ziehen wir unsere Identität eher aus der Qualität und den Inhalten unserer Arbeit als aus einem Suffix an der Berufsbezeichnung. Wir sehen Gleichberechtigung als die Möglichkeit, Leistungen wirklich geschlechtsneutral zu bewerten. Die Bezeichnung “Autoren” ist Ausdruck dieser Haltung und bewusst gewählt”.

Luise F. Pusch hat recht, wenn sie angesichts solcher Aussagen sich mal selbst vergewissert, dass ihr Anliegen nach geschlechtsneutralen Bezeichnungen nicht die Marotte einer “Femi-Oma” ist, sondern gesellschaftliches Produkt einer real existierenden Frauenbewegung. Und, fast trotzig, dass sie selber auch noch lebt. Wie andere Feministinnen und wie Kate Millet.

Viel lebendiger jedenfalls, als diese neuen Frauchen ohne Suffix.

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9 Kommentare

  1. 1. library mistress

    Kommentar vom 20. September 2009 um 23:53

    Naja, schaffen wir die grammatikalisch weibliche Form doch gleich ab, dann haben wir auch keine Probleme mit der “besseren Lesbarkeit”…

  2. 2. Franziska

    Kommentar vom 21. September 2009 um 00:02

    Wir sind uns der Bedeutung der Frauenbewegung der 1960er und 1970er bewusst und achten die Leistungen und Errungenschaften dieser Generation. (bold mine)

    1. Huh? What the fuck ??
    2. Das ist ehrlich sehr gnädig von denen ;)
    3. Genau so und kein bisschen anders spricht man in der Regel, wenn man seinem Partner oder seiner Partnerin die Trennung schonend beibringen will – “Ich schätze dich und deine Qualitäten sehr, aber…” – also eben dann, wenn man sich mit der Beziehung nicht mehr identifizieren kann. In dieselbe kuriose Distanz scheinen sich diese Autoren zu den “Errungenschaften” der “Frauenbewegung” begeben zu wollen.
    4. Zu/über politische GegnerInnen wird bisweilen ebenfalls in der selben Weise gesprochen – genau eben immer dann, wenn man sich die Abscheu nicht allzu offen kundtun traut.

    Trotzdem ziehen wir unsere Identität eher aus der Qualität und den Inhalten unserer Arbeit als aus einem Suffix an der Berufsbezeichnung. (bold mine)

    1. Trotzdem?? WTF ?? – also, obwohl die sich der Frauenbewegung “bewusst” sind, beziehen sie ihre Identität also dennoch (trotzdem) lieber aus Qualität und Inhalten ihrer Arbeit? – ich glaub die meinen, sie sind sich der Existenz des (Fremnd)Wortes “Frauenbewegung” bewusst, keineswegs jedoch der inhaltlichen(!) Verfasstheit dieses Wortes.
    2. Dieser “wie lächerlich das doch ist”-Unterton – zb auch, neben dem Offensichtlichen, in dem hier abschätzig gebrauchten “eher” – nervt mehr als.

    Wir sehen Gleichberechtigung als die Möglichkeit, Leistungen wirklich geschlechtsneutral zu bewerten. Die Bezeichnung “Autoren” ist Ausdruck dieser Haltung und bewusst gewählt. (bold mine)

    …nicht, dass womöglich irgendwo ein Mann mal weniger vom Kuchen abkriegen könnte – dieser höchst wahrscheinlichen Möglichkeit muss mit allen Mitteln vorgebeugt werden, versteht sich. Wir sehen Gleichberechtigung schließlich als DIE Gelegenheit, dass unsere Leistungen, Männern zu gefallen, von letzteren mal wirklich so richtig geschlechtsfeudal bewertet werden – wobei wir die Errungenschaften der Frauenbewegung der 60er und 70er Jahre natürlich sehr schätzen, da sie die Anzahl an potenziellen Konkurrentinnen um die Gunst der Männer erheblich verringert – und uns so einiges an Arbeit in diesem Geschlechterkampf abgenommen hat. Diese Haltung ist Ausdruck unsrer geschlechtsneutralen Solidarität mit den Autoren und Autoren aller Länder ;)
    2. Impliziter Vorwurf der Missdefinition des Begriffs der Gleichberechtigung durch – wahrscheinlich wieder – die Frauenbewegung der 60/70er.

    Darüber hinaus war das von Frau Rauch geleitete Seminar in diesem Semester – im Unterschied zum vergangenen – für Frauen und Männer konzipiert. Mit diesem Wissen haben wir das Seminar belegt und es war uns wichtig, eine Webpage zu gestalten, die Männer und Frauen gleichermaßen anspricht.

    also nicht so wie ihr da draußen, die ihr Männer diskriminiert – mit sowas wollen wir nichts zu tun haben! Wir sind ja für Gleichberechtigung !
    (Die Untertöne in diesem Zitat suggerieren tatsächlich – und das von Frauen kommend! – die Frauenbewegung sei in Wahrheit etwas anderes, als eine Gleichberechtigungsbestrebung – vielleicht ein Sammelbegriff für diverse Matriarchatsgelüste, wie das ja dauernd befürchtet und unterstellt wird ? – normalerweise halt eben von Männern).
    Ein Unterton ist auch: Wir respektieren Männer nämlich (“Mit diesem Wissen haben wir das Seminar belegt…” – im vollen Bewusstsein der Anwesenheit von Mitmännern)
    ..”gleichermaßen anspricht” – und nicht nur Frauen ! (das wird hier permanent in diesen verachtenden Untertönen suggeriert – wie peinlich!)

    Deshalb lehnen wir eine Änderung des Begriffs in seine weibliche Form ab, da diese uns unnötig und als der Gleichberechtigung entgegengesetzt erscheint. Wir sind zwar dem Geschlecht nach Frauen, aber im Rahmen der Arbeit an der Website waren wir in erster Linie Journalisten.

    What the fucking fucking fuck ???
    im Rahmen der Arbeit … waren wir in erster Linie Journalisten” – also waren wir in erster Linie Männer! Das sagt ja schon alles !

    Sollte diese Entscheidung einer Verlinkung von In.Put auf Ihrer Homepage entgegenstehen, bedauern wir das, nehmen es aber in Kauf.

    Was frau nicht alles in Kauf (Formulierung!) nimmt, um Männern zu gefallen… tja…

  3. 3. Franziska

    Kommentar vom 21. September 2009 um 00:17

    “After dealing with some of the comments here, from supposedly women, I have to wonder why so much energy is spent defending bad behavior toward women instead of targeted at the true oppressors, men. Men have male privilege regardless of how feminist he appears to act. When women attack other women because that woman is defending the right to be free from abusive language it benefits men. Way to go. One for the man team.” Kitty Glendower

    http://aroomofourown.wordpress.com/2007/07/25/bellatrix-lestrange-is-no-bitch/

  4. 4. mo

    Kommentar vom 21. September 2009 um 00:33

    @Franziska – Ich seh’s zwar ähnlich, aber etwas milder. Junge Frauen der Generation Praktikum – die wollen sichs nicht verscherzen mit Männern generell, weil die eben immer noch mehrheitlich das Sagen haben, und frau ja nicht ewig im akademischen Prekariat rumkrebsen, sondern irgendwann einen Job mit Karrierechancen haben will. Ergo: Bloß nicht riskieren, den Stempel Feminstin = Emanze = Männerfeindin aufgedrückt zu kriegen. Andererseits aber sich auch bloß nicht explizit vom Feminismus distanzieren, und somit rückständig und vorgestrig wirken, weil schließlich aufgeklärte moderne Menschen beiderlei Geschlechts um das “Frauenproblem” wissen und natürlich, selbstverständlich ganz uneingeschränkt für Gleichberechtigung mit allem Pipapo sind und zu sein haben.

    Was bleibt da viel? Lavieren und Rumeiern eben. Und hoffen, dass die Patriarchatssprache wirklich so neutral ist, wie ihre BewahrerInnen immer behaupten, sodass frau im Mantel des generischen Maskulinums nicht unversehens doch wie ein rehäugiges Weibchen aussieht und bloß Jobs kriegt, wo’s Kaffeekochen zum Aufgabengebiet zählt …

  5. 5. Franziska

    Kommentar vom 21. September 2009 um 00:54

    @mo: sehr gut auf den Punkt gebracht! Jaja, die liebe Generation Praktikum-Sexandthecity-Genderwahnsinn-Feuchtgebiete! (der ich ja rein dem Alter nach eigentlich auch noch angehören sollte). – Ich könnt mich trotzdem nie so verhalten wie du’s beschrieben hast, das würd mich krank machen. Versteh nicht, wie die (sich) das (antun) können.

  6. 6. mo

    Kommentar vom 21. September 2009 um 01:26

    @Franziska – Es ist vermutlich gar nicht so schwer und erfordert kein inneres Verbiegen. Grad weil die Frauenbewegung so enorm viel erreicht hat, fällts heute doch leichter denn je, als rein privates Problem abzutun, was immer noch ein gesellschaftliches Phänomen ist. Als es noch ums Wahlrecht ging oder darum, dass Oma ohne Opas Erlaubnis keinen Job annehmen durfte etc: Da war noch offenkundig, dass von gleichen Rechten keine Rede sein kann. Aber seit Gleichberechtigung zumindest am Gesetzespapier existiert, lässt sich halbwegs leicht sagen – und auch wirklich glauben -, dass dort, wo’s nicht umgesetzt wird, halt individuelle Probleme vorliegen. Oder dass es um ganz bestimmte Gruppen unterdrückter Frauen geht, Stichwort zwangsverheiratete und in die Burka geprügelte Muslima, die natürlich unser aller Unterstützung brauchen. Aber die moderne, aufgeklärte Frau Normalverbraucherin hats doch selbst in der Hand, ob sie anerkannt, respektiert und nach ihrer Leistung beurteilt wird undsoweiter blablabla …

  7. 7. Franziska

    Kommentar vom 21. September 2009 um 01:48

    @mo: Stimmt, dieses als Privat-Problem-Abtun von gesamtgesellschaftlichen Problemen, das ist genau die heutige, typische, neoliberale Haltung, die – ganz neuzeitlich-westlich – das Subjekt als eine von der Welt unberührte und unbekümmerte, abgekapselte Entität denkt, die für sich existiert, ohne Welt, und die die Welt (die ihr selbstverständlich Untertan ist) jederzeit souverän nach subjektivem Belieben formen kann. – Zu dumm, dass die noch nie was von Derrida, Heidegger, Butler, und Nancy gelesen haben.

  8. 8. mo

    Kommentar vom 21. September 2009 um 02:25

    Sie würdens nicht glauben, glaub ich. Erinnert mich an einen aktuellen Eintrag eines heimischen, sich als feministisches Männchen verstehenden Alphabloggers zum equal pay day

  9. 9. Franziska

    Kommentar vom 21. September 2009 um 11:26

    Der Typ versteht sich allen Ernstes als feministisch??

    Es ist einfach nur sowas von himmelschreiend peinlich, erbärmlich, zynisch und skanadalös, wenn immer wieder irgendwelche dahergelaufenen, präpotenten, und obendrein sich oft auch noch als “feministisch” bezeichnende Hosenschisser scheinbar allen Ernstes meinen, die Diskriminierung der Frau leugnen zu können/müssen. Sie versuchen es wirklich mit allen Mitteln! Und die Energie, die die dafür aufwenden! – Wie kann man bloß so peinlich sein??

    Und wenn eine Frau dann was sagt, dann kommt immer “Ich werd ja wohl noch die Fakten aufzeigen dürfen… (Sie hysterisches Etwas, Sie) – Ich bin ja eh für Gleichberechtigung, sieht man das nicht? – Aber Fakten sind halt eben Fakten” lol.

    Das ist wiedermal eine typisch modern-westliche subjektreduktionistische/weltverleugnende Verdrehung dessen, was ein Faktum oder ein Objekt ist. Zurück in die Volksschule!

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