Schuh Sprache Jelinek

Ein Tag, der mit solchen Sätzen beginnt, kann nicht ganz verloren sein:

Sehr wahr kommt mir vor, dass man die Sprache nicht verwerfen und “zerstö­ren” soll, bloß weil man glaubt, damit könnte man zeigen, wie zerstört die Sprache bereits ist. Man sollte nicht glauben, ein Kunstwerk ist schlecht, und das ist gut, weil es gerade durch seinen schlechten Zustand vor Augen führt, wie schlecht die Welt ist.
Das Zeigen selbst, vor allem wenn ein Werk daraus werden soll, hat seine eigenen Gesetze; das Schlechte zeigt sich nicht im Werk, das selbst schlecht gemacht ist. Allerdings ist die Sprache “mehr” als jenes “eigentliche Sprechen”, das man gerne für die Sprache hält.

Aber Franz Schuh setzt noch eins drauf für alle jene, die es immer noch nicht kapiert haben, exemplifiziert am Beispiel von Jelineks “Die Liebhaberinnen” und schafft damit eine der schönsten Werkzugänge, die ich kenne:

Man/frau lese zum Beispiel Elfriede Jeli­neks “Die Liebhaberinnen”: Die Spra­che in dem Buch besteht exklusiv aus verwerf­lichem Sprachgebrauch, aus Formeln, Floskeln, aus gar nichts Individuellem. Es ist eine gesellschaftlich produzierte Sprache, die die Wünsche der handelnden Personen anonym programmiert – sie handeln und denken, wie’ s im Buche steht. Man liest, wie die Reduktion von Menschen auf die Eindimensionalität der Phrasen funktioniert. Und aus kleinen Abwei­chungen, aus Übertonungen, aus Wiederho­lungen, aus Verschiebungen, aus Understate­ments, aus scheinbaren Ungeschicklichkeiten, aus Vereinfachungen und überraschenden Verkomplizierungen geht hervor, dass der Text ganz und gar ungehorsam gegenüber der Befehlssprache ist, die alle kommandie­ren will, auch die Romankunst. Und in dieser Ungehorsamkeit äußert sich die Sprache, die ihre Armut nur deshalb so gut beweisen kann, weil die Autorin den Sprachgebrauch virtuos abhört und benutzt. Bei dieser Übung ist die Autorin allerdings keine einsame Ausübende der Sprachgewalt, sondern an ihrer Montage arbeitet das gesellschaftliche Leben, das seine sprachschöpferischen Seiten hat, manchmal auch an führender Stelle mit. Aber das ist artistisch bewältigt und ist ein Teil der Konstruktion. Es hat nichts mit der schlampigen Vermischung der Zei­chen zu tun.

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