Träume von einer Welt ohne Gewerkschaften
“Hier regiert der ÖGB” steht auf der Titelseite des neuen DATUM. Und: Thomas Trescher träumt von einer Welt ohne Gewerkschaften. Der Artikel selber wird mit “Auf zum letzten Gefecht” betitelt (vollständige Fassung in den Salzburger Nachrichten) und reiht sich ein in jene schlampig recherchierten und die Recherchelücken mit “Träumen” gefüllten Schreibereien, die zwar ein berechtigtes Unbehagen formulieren aber selber nicht so genau wissen wollen, worin es besteht. Eine Analyse des ÖGB und seiner Stellung in der Gesellschaft sieht jedenfalls anders aus.
Interessant aber ist der Aufmacher der Geschichte. Da wird die Wiener Kindergärtnerin Barbara Tinhofer mit “wir sind wütend” zitiert und eine Kollegin von ihr meint, drei Monate gebraucht zu haben, bis sie draufgekommen wäre, welche Gewerkschaft für sie zuständig sei. Da beide bei der Stadt Wien angestellt sind, kann es nicht so schwer für sie gewesen sein, insbesondere da in ihrem Bereich eine sehr aktive Namensliste agiert, von der die Kolleginnen in den Kindergärten seit Jahren und gerade auch in den letzten Monaten zahlreiche Aussendungen erhalten haben. Da diese Namensliste im Rahmen der Gewerkschaft agiert, mutet diese im Datum wiedergegebene Bemerkung seltsam an: “Von der Gewerkschaft fühlen sich die Kinderpädagoginnen im Stich gelassen.” Ist mit Gewerkschaft die im Kindergartenbereich immer noch Mehrheitsfraktion FSG gemeint? Oder sind Gewerkschaft nicht wir alle? Doch das würde zum Grundtenor der Artikelschreiber nicht passen. Weiters: „Niemand hat sich aber um unsere Angelegenheiten gekümmert. Als Konsequenz haben sich einige Kinderpädagogen zusammengeschlossen und im Februar das Kollektiv Kindergartenaufstand gegründet. “
Auch wenn jede Basisinitiative zu begrüßen ist und die Protagonistinnen einer solchen bestrebt sein mögen, sich als einzigartig darzustellen, hätte es nur eines Mindestmaßes an journalistischer Sorgfalt bedurft um herauszubekommen, dass sich ein weit über den Einflussbereich des Kindergartenaufstands hinausgehendes überparteiliches Personenkomitee gebildet hat, welches neben einer Unterschriftensammlung (mit bislang 2.500 Unterschriften) weitere Aktionen für einen heißen Herbst plant. Das nächste Treffen dieser Initiative ist übrigens am 17. September. Ich nehme an, dass sich auch die Aktivistinnen des Kindergartenaufstands dorthin begeben werden und feststellen können, dass sie nicht allein sondern zu vielen sind, die etwas für die Rechte der Kindergartenpädagoginnen und für die Kinder unternehmen möchten.
Es stimmt natürlich, dass die FSG, sagen wir mal, sehr zurückhaltend agiert, umsomehr unterstützen die Personalvertreterinnen der KIV mit ihrer gewerkschaftlichen Infrastruktur diese Bewegung und beteiligen sich als Personen an ihr. Aber da diese gleichzeitig Gewerkschafterinnen sind, passt das halt überhaupt nicht in eine “Welt ohne Gewerkschaften”. Träume können ganz schön verlogen sein.
27. Aug 2009 (2)
Politik FSG, Gewerkschaft, Kindergärten, KIV










1. Mary Lou
Kommentar vom 29. August 2009 um 19:45
Na, da fühlt sich wohl jemand von den sich selbst organisierenden KindergartenpädagogInnen bedroht und ist böse, dass diese sich nicht an die österreichischen sozialpartnerschaftlichen Vorgaben des Widerstandshowtodoit halten ;-)
Übrigens wurde nirgends behauptet, dass tinhofer bei der gemeinde wien arbeitet (die oben publizierende person würde hier wohl einen Mangel an recherchefähigkeit feststellen…). tja.
Und übrigens sollten alle Menschen, die mit ihren Arbeitsbedingungen nicht einverstanden sind, aufstehen und sich wehren.
Zum Nachmachen empfohlen :-)
2. haftgrund
Kommentar vom 29. August 2009 um 20:27
1. o.k., wenn steht, “sagt die Wiener Kindergärtnerin Barbara Tinhofer” und später “Tinhofers Kollegin Regina, die (…) bei der Stadt Wien angestellt ist”, dann ist es zwar naheliegend, aber nicht eindeutig, dass B.T. auch dort arbeitet. Mangel an Recherchefähigkeit, ich gebs ja zu :-)
Dann trifft mein Wundern über die lange Dauer der Suche nach der Gewerkschaft nur ihre Kollegin Regina, oder gar nur die Kollegin der Kollegin Regina :-)
2. Keineswegs sehe ich eine Bedrohung durch sich selbst organisierende Kindergartenpädagoginnen, unter anderem schon deshalb nicht, weil ich dieser Berufsgruppe nicht angehöre, sodass mir auch etwaige sozialpartnerschaftliche Vorgaben nicht bekannt sind.
Dass “alle Menschen, die mit ihren Arbeitsbedingungen nicht einverstanden sind, aufstehen und sich wehren” sollen, unterschreibe ich voll und ganz.
3. Meine Kritik bezieht sich daher auch nicht auf die Protagonistinnen des Kindergartenaufstands, sondern auf die oberflächliche und schlecht recherchierte Machart des Artikels, der mir nicht auf Unterstützung der Bewegung ausgerichtet scheint, sondern einen Aufhänger für die Behauptung, dass keine Gewerkschaften nötig seien, brauchte.
Ahja – und ich wünsche allen Aktivistinnen einen vollen Erfolg bei den kommenden hoffentlich heißen Wochen!