Wirst nicht mehr lange kommandieren können, du alter Trottel!

Es ist der 21. Juli. Ullmann, ein SS-Unterscharführer, führt Zbyszek und mich hinaus. Er ist ein alter Kracher, der fürchterlich nach Pfeife stinkt.
Herrlich ist’s, so ins Grüne hinauszugehen. Bald sehen wir kein Lager mehr und keine SS. Sbyszek hat die Landkarte in der Hand und zeichnet mit gewichtiger Miene jeden Tümpel ein. Ich lenke den Weg unauffällig so, dass wir in die Gegend kommen, die als Treffpunkt mit den Partisanen vereinbart ist.
Die Partisanen haben den Weg gut beschrieben [...]
Ullmann ist müde. Wir legen uns auf einen Damm zwischen den Teichen in die Sonne [...]
Dann kommt er ins Erzählen. Ich habe schon bemerkt, dass er etwas auf dem Herzen hat.
“Wissen Sie schon? Auf den Führer wurde gestern ein Attentat verübt. Er ist unverletzt, aber ein General und mehrere andere höhere Offiziere sind getötet.”
Ein Attentat! Wenn es gelungen wäre! Im Augenblick kann ich gar nichts sagen.
“Von wem ist es denn ausgegangen?” Zbyszek fragt.
“Von Verrätern in der Wehrmacht, adeligen Offizieren [...]” – Also versuchen die Ratten, das sinkende Schiff zu verlassen.
Die Sonne strahlt auf uns nieder. Grün ist’s ringsherum, Flieder, Vögel, Wolken. Herrlich! Bald werde ich ganz im Grünen sein.
“Auf!”
Wirst nicht mehr lange kommandieren können, du alter Trottel!
“Jawohl!”
Ein Weg zwischen Bäumen, Schilf, Enten im Wasser. In der Ferne die Beskiden. Immer wieder muss ich zu ihnen schauen.
Eine staubige Straße und wieder das Lager. SS auf Fahrrädern. Wenn sie an uns vorbeifahren, müssen wir stramm die Häne anlegen.
Der Ausflug ist zu Ende – unser Ausflug kann beginnen.

Diese Episode des Berichts “Die Stärkeren” von Hermann Langbein fand vor ziemlich genau 65 Jahren statt, als die Häftlingsorganisation von Auschwitz die SS dazu instrumentalisieren konnte, eine Begehung und Vermessung der Umgebung des Lagers zu veranlassen – der eigentliche Zweck für die Häftlinge war die Auskundschaftung des Geländes für die geplante Flucht.
Dieses wenige Jahre nach der Befreiung geschriebene Buch wurde in der Neuauflage nur durch ein Vor- und Nachwort ergänzt, im Übrigen aber unverändert belassen. Es verblüfft nicht nur durch erstaunliche Genauigkeit in der Darstellung von Ereignissen, die Jahre später aus anderen Quellen bestätigt wurde, sondern auch durch die Manifestationen von Kraft und Selbstbewusstsein der politischen Häftlinge, welche selbst in der Todesfabrik Auschwitz imstande sind, eine schlagkräftige Organisation – die “Kampfgruppe Auschwitz” – zu schaffen, welche im Lauf der Zeit sogar die SS-Mannen zum Fürchten bringt. Beispielsweise durch die Veröffentlichung der Namen der in Auschwitz eignesetzten SS-ler durch den britischen Sender: die Namen stammten aus der Lager-Schreibstube, in der Langbein sich Zugang zu den Personalakten zu verschaffen gewusst hatte.
Es ist ein Buch, dessen Lektüre einem Mut vermittelt und Zuversicht, dass sich immer Menschen finden, die gegen ein terroristisches System zu kämpfen bereit sind.
Hermann Langbein hat genau diese Absicht verfolgt, indem er als Anlass für die Abfassung dieses Berichts angibt,

„dass zwar in zahlreichen Artikeln und Broschüren die Martern und Leiden dargestellt wurden, welche die Opfer in den Konzentrationslagern zu erdulden hatten, dass aber kaum etwas über die
Bemühungen der Häftlinge – und ihre dabei erreichten Erfolge – bekannt wurde, die die Kraft gefunden hatten, dem unmenschlichen Regime der SS selbst im Vernichtungslager Auschwitz Widerstand entgegenzusetzen.“

Durch die klare, unverschnörkelte Sprache ist es damals wie heute besonders auch für Jugendliche geeignet, die neben den historischen Fakten ein Gefühl dafür kriegen wollen, wie die Menschen, die sich gegen den Strom stellten, damals dachten und fühlten.

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