“Expropriierung der Expropiierten”
In der wöchentlichen “Errata”-Kolumne des Standards wird verschlimmbessert:

Richtig brutal ist es in einem Gastkommentar geworden. Dort las man von der Expropriierung der Expropriierten. Die Ausbeutung der Ausgebeuteten – dagegen ist jede neoliberale Härte eine Streicheleinheit.
Karl Marx hat das auch gar nicht so gesagt, er hat von der Ausbeutung der Ausbeuter, also der Expropriierung der Expropriateure, geschrieben, als er der Verstaatlichung das Wort redete.
Dem Verschlimmbesserer hätte schon ein Blick in die Wikipedia gut getan. Und vielleicht hätte er sich infotechnisch dann noch weiterhanteln können, um draufzukommen, dass Marx nicht der Verstaatlichung das Wort geredet hat, sondern Vergesellschaftung im Sinne hatte.
Und natürlich hat aber Marx in diesem Zusammenhang nicht von “Ausbeutung” gesprochen, sondern von Expropriation als “Enteignung”.
Apropos Sinn: welchen hätte der Meinung des Errataredakteurs nach die eigentlich gemeinte Formulierung “Ausbeutung der Ausbeuter”?
Als Lohnarbeit für Exkapitalisten würde es eventuell einen haben.
Marx hat davon aber nicht gesprochen, aber auch nicht von Arbeitslager für Kapitalisten, wie es in jenem Süddeutsche-Artikel unterstellt wird, auf den sich der errata-Redakteur als Ursprung des Fehlers beruft:
Den jungen Menschen wird man nicht mehr kitzeln können mit der langwierigen Unterscheidung von Gebrauchs- und Tauschwert, mit der Verwandlung von Geld in Kapital oder der „Expropriierung der Expropriierten“.
Der seltsame Kultus, den Marx um die „Waare“ aufführte, als wär’s ein handschmeichlerischer Stein der Weisen, hat seine glasklare Weltsicht nur verdunkelt. Sie ist auf den Hund gekommen, und Marx gilt als der Hauptverantwortliche für die Blutrichter und Henker, für Stalin, Mao und Ceausescu.
Genau genommen hat die Stelle des Gastkommentars “Vom Systemfeind zum Superstar” für sich genommen durchaus einen – wenn auch nicht gemeinten – möglichen Sinn, wenn zu lesen ist:
Einmal die Woche treffen sich die lokalen Gruppen von kapital-lesen.de in Universitäten, Volkshochschulen und Gemeindezentren. In Arbeitsgruppen ringen die Teilnehmer mit sperrigen Vokabeln und Konzepten wie dem Doppelcharakter der Ware und der “Expropriierung der Expropriierten”.
Ich würde dies als ungewollten Hinweis darauf sehen, dass die nützliche Befassung mit dem Marxkapital ohne Einbeziehung der Foucaultgouvernementalität und der darin reflektierten Enteignung auf höherer Stufenleiter (um es mit dem Kapitalmarxjargon zu sagen) der bereits Enteigneten nur was Halbertes wäre.
Dieser “Führe-mich-sanft”-Tendenz zur totalen Subsumierung menschlicher Eigen-heiten unter die Verwertungslogik wäre mit Kapitalarbeitskreisen alleine nur unzulänglich zu begegnen.
Aber noch eine andere Lesart ist möglich: Durch die Kürzung öffentlicher Mittel für den Sozial- Kultur und Bildungsbereich und die damit verbundene Umverteilung nach oben findet ja tatsächlich eine weitere Enteignung der bereits Enteigneten statt, womit wir gleich bei der neben stehenden aktuellen Meldung aus dem österreichischen Büchereiwesen sind.
Hier ist übrigens der “Büchereien-Block” bei der Wien-Demo am 28. März zu sehen: 
In der Folge einige Hinweise für den Errata-Redakteur, um ihm die lästige Quellensuche zu erleichtern:
Worauf kommt die ursprüngliche Akkumulation des Kapitals, d.h. seine historische Genesis, hinaus? Soweit sie nicht unmittelbare Verwandlung von Sklaven und Leibeignen in Lohnarbeiter, also bloßer Formwechsel ist, bedeutet sie nur die Expropriation der unmittelbaren Produzenten, d.h. die Auflösung des auf eigner Arbeit beruhenden Privateigentums.
Das selbsterarbeitete, sozusagen auf Verwachsung des einzelnen, unabhängigen Arbeitsindividuums mit seinen Arbeitsbedingungen beruhende Privateigentum wird verdrängt durch das kapitalistische Privateigentum, welches auf Exploitation fremder, aber formell freier Arbeit beruht.251)

Was jetzt zu expropriieren, ist nicht länger der selbstwirtschaftende Arbeiter, sondern der viele Arbeiter exploitierende Kapitalist.
Diese Expropriation vollzieht sich durch das Spiel der immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion selbst, durch die Zentralisation der Kapitale. Je ein Kapitalist schlägt viele tot.Hand in Hand mit dieser Zentralisation oder der Expropriation vieler Kapitalisten durch wenige entwickelt sich die kooperative Form des Arbeitsprozesses auf stets wachsender Stufenleiter, die bewußte technische Anwendung der Wissenschaft, die planmäßige Ausbeutung der Erde, die Verwandlung der Arbeitsmittel in nur gemeinsam verwendbare Arbeitsmittel, die Ökonomisierung aller Produktionsmittel durch ihren Gebrauch als Produktionsmittel kombinierter, gesellschaftlicher Arbeit, die Verschlingung aller Völker in das Netz des Weltmarkts und damit der internationale Charakter des kapitalistischen Regimes.
Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist. Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Expropriateurs werden expropriiert.Die Verwandlung des auf eigner Arbeit der Individuen beruhenden, zersplitterten Privateigentums in kapitalistisches ist natürlich ein Prozeß, ungleich mehr langwierig, hart und schwierig als die Verwandlung des tatsächlich bereits auf gesellschaftlichem Produktionsbetrieb beruhenden kapitalistischen Eigentums in gesellschaftliches. Dort handelte es sich um die Expropriation der Volksmasse durch wenige Usurpatoren, hier handelt es sich um die Expropriation weniger Usurpatoren durch die Volksmasse.
alle Zitate aus: Marx – Kapital: Geschichtliche Tendenz der kapitalistischen Akkumulation
Der Geldkapitalist hat keine persönlichen Funktionen im Wirtschaftsleben zu erfüllen, er ist überflüssig und man kann ihn ohne Schwierigkeit mit einem Federzug expropriieren. Man wird um so eher dazu schreiten, da gerade dieser, der überflüssige Teil der Kapitalistenklasse, die hohe Finanz, immer mehr die Herrschaft über das ganze wirtschaftliche Leben an sich reißt. Er ist auch der Herr der großen privaten Monopole, der Trusts usw. Und man kann nicht das industrielle Kapital expropriieren und vor dem Geldkapital Halt machen. Beide sind zu innig mit einander verschmolzen.
Karl Kautsky – Am Tage nach der sozialen Revolution (1902) – Abschnitt 1-5
Die Sozialisierung der Banken hat eine ganz andere Aufgabe als die Vergesellschaftung der Großindustrie oder des Grundbesitzes. Hier handelt es sich nicht darum, den „Boden und die Arbeitsmittel in den Besitz der Gesellschaft zu überführen, sondern darum, die Macht, die die Verfügung über die fremden Kapitalien, die den Banken zur Verfügung gestellt werden, dem Finanzkapital gibt, ihm zu entreißen und sie der Gesellschaft zuzueignen.
Otto Bauer: Der Weg zum Sozialismus (8. Die Vergesellschaftung der Banken)
9. Expropriation der Expropriateure
Der Sozialismus will dem Volke wiedergeben, was sich Kapitalisten und Grundherren auf Kosten des Volkes angeeignet haben. Die Enteignung derer, die bisher das Volk enteignet haben, die Expropriation der Expropriateure, ist darum die erste Voraussetzung einer sozialistischen Gesellschaft.
ders.: Der Weg zum Sozialismus (9. Expropriation der Expropriateure)

Im Presseartikel zu der den Bildern in diesem Beitrag zugrunde liegenden “Schönwetter-Revolte” wird der Anthropologe Christ Knight zitiert:
„Wir werden viele Puppen von Bankern an Laternenpfählen aufknüpfen. Wenn Leute wie Goodwin nicht bald zur Besinnung kommen, werden am Ende echte Banker hängen.“
und abschließend heißt es in diesem Artikel:
Der Anarchist Dave Tucker, nach eigenen Angaben ein Veteran der legendären „Poll tax-Unruhen“ gegen Margaret Thatcher in den frühen 1990er-Jahren, sagt: „Eine Menge Leute wollten damals einfach einen Kampf. Ich spüre jetzt dieselbe Atmosphäre wieder”.
Nachtrag:
Danke für die freundliche Unterstützung. Als Textanalyse von Marx’ Werk hätten meine Zeilen zugegeben keinen Bestand gehabt, aber das war ja auch nicht intendiert.
Mit freundlichen Grüßen.
Otto Ranftl
Leserbeauftragter
Bibliothek Politik Büchereien, Politsystem, Wirtschaftskrise










