Kostenpflichtigkeiten in Büchereien
Zum Bestsellerservice und der Kostendeckungsjubelmeldung möchte ich zum einen noch nachtragen, dass eine solche Milchbubenkostendeckung auf das gesamte Verhältnis Medienankauf zu Einnahmen angewendet werden könnte. Wie die Globalbudgetierung des Medienankaufs für 2009 zeigt, steht den Einnahmen der Büchereien durch diverse Gebühren von über 1 Million € ein fast gleich hohes Medienankaufsbudget gegenüber (reguläres Budget für die einzelnen Zweigstellen. Allfällige Sonderankaufsaktionen scheinen hier nicht auf). Also Kostendeckung pur könnte man jubeln, wenn einem partout zum Jubeln wäre.
Zum anderen irritiert schon seit Längerem der Trend, aus einem bildungspolitischen Serviceangebot mit sozial gestaffeltem Kostenbeitrag eine auf absolute Werte ausgelegte Kassiermaschine zu machen.
Ein Rückblick: in den 70ern und davor gab es für jene, die das Aufnahmeverfahren zur Erlangung eines “Lesehefts” erfolgreich hinter sich gebracht hatten, eine Bandgebühr für jedes entlehnte Buch von 1 ATS. Jugendliche zahlten 0,5 und Kinder 0,25.
Mahngebühren gab es auch bzw. den Zwangskauf eines Exemplars der “Wiener Bücherbriefe”.
Studenten waren ohne Altersbegrenzung befreit, die Richtsätze für Gebührenbefreiung erlaubten weitere soziale Abfederungen.
In den 80ern kam der “Clubgedanke” auf: eine einmalige Jahresgebühr sollte den Zugang zu allen Serviceleistungen und zu allen Büchereien öffnen. Gebühren für einzelne Medien wurden abgeschafft, Kinder und Jugendliche konnten nunmehr gebührenfrei entlehnen.
Das war in gewisser Hinsicht eine Goldene Zeit, was den Umgang mit den Gebühren betrifft. Dass ziemlich zeitgleich durch die sozialdemokratische Stadtregierung eine Budgetreduzierung von substanzbedrohendem Ausmaß erfolgte, ist eine andere Geschichte, die es wert wäre, mal erzählt zu werden.
Die Aufnahme von Audivisuellen Medien in den Entlehnbestand zog unmittelbar keine spezifischen Gebühren nach sich. Erst gegen Ende der 90er wurden quasi als “Club plus”, wie es heute benannt werden würde, zusätzlich das System der Entlehngebühren wieder eingeführt – für Videos und CD-Roms; später kamen die DVDs hinzu.
Anfangs gab es heftige Proteste der Belegschaft und das alte Thema der generellen Gebührenfreiheit a là OECD-Empfehlung wurde wieder angeworfen.
Angesichts der Koppelung der Einnahmen mit dem Medienbudget der einzelnen Bücherei verfielen die BibliothekarInnen aber bald in ein rundum rebellisches Schweigen, das nur noch in Kribibi-Enklaven und im Zuge von Trunkenheit nach Dienst unterbrochen wurde.
Durch die Vernetzung der Büchereien mit Beginn dieses Jahrtausends erlangte die Vorbestellgebühr naturgemäß einen höheren Stellenwert, zog also vermehrt Kassierakte nach sich.
Um die letzte Gebührenreform herum sind die seltsamsten Gebührenformen ins Gespräch gekommen bzw. nur dank Bibliothecas Schwerfälligkeit nicht umgesetzt worden. Das eine ist die Zusatzgebühr bei Briefmahnungen; also eine Strafquote für alle, die privat noch nicht an die Internetgesellschaft angedockt haben und daher keine E-Mail-Benachrichtigungen und -Mahnungen erhalten können. Eine weitere neu erfundene Gebühr ist jene für die Bereitstellung von vorhandenen Medien aufgrund eines Anrufs – möglicherweise gibt es diese Gebühr bereits, dann wird sie jedenfalls flächendeckend ignoriert.
Tatsache ist jedenfalls, dass die Kassiertätigkeit einen immer größeren Anteil an der täglichen Büchereiarbeit hat. Dass für die BüchereibenutzerInnen der Besuch einer Bücherei immer mehr mit dem Bewusstsein verknüpft ist, dass es tunlich sei, Geld mitzunehmen.
Und eine Fortsetzung dieses meiner Meinung nach ziemlich unguten Trends sind eben auch die Bestsellergebühren.
8. Mrz 2009 (2)
Bibliothek Bibliotheksgebühren, Büchereien










1. library mistress
Kommentar vom 8. März 2009 um 21:05
Ich finde es auch bemerkenswert, dass wir in der Wienbibliothek mit unserer hauptsächlich aus der Wissenschaft kommenden Klientel keine Benutzungsgebühren kassieren, während in den Büchereien, wo es doch um “Volksbildung” und dergleichen geht (zumindest meiner Ansicht nach), Gebühren eingehoben werden.
2. haftgrund
Kommentar vom 8. März 2009 um 22:55
So wie ich mich auch immer gewundert habe, dass die Sozialdemokratie zwar gegen die Einführung der Studiengebühren durch die seinerzeitige dunkelfärbige Regierung gewettert hatte, die vergleichsweise noch viel happigeren Kindertagesstättengebühren, bis vor kurzem nicht zur Debatte zu stellen gewillt war.