Die Bibliothek einer Badestadt als Springquell materialistischer Geschichtsauffassung

Die Flitterwochen von Herrn Carl Marx in Bad Kreuznach 1843 waren bekanntlich geprägt von heftiger Lektüre und umfänglichen Exzerpten, die fast einen ganzen MEGA-Band füllten.  Harry Schmidtgall ist der Frage nachgegangen: “Welche Bibliothek benutzte Karl Marx für seine ‘Kreuznacher Exzerpte?'” und hat im Altbestand der Bibliothek des Kreuznacher Gymnasiums 15 Werke gefunden, die von Marx exzerpiert worden waren. Dazu bemerkt Helmut Elsner:

Die Kernfrage bleibt aber, ob Marx diese Bibliothek benutzt hat und wie sie ihm zugänglich war. Schmidtgall hat mit Hilfe zeitgenössischer Bäderführer belegt, daß eine darin enthaltene “Büchersammlung” den Badegästen (bzw. “Curfremden”) zugänglich war. Es handelt sich um die 1821 vom Kreuznacher Landrat Hout an­geregte und geforderte “Volksbibliothek*, deren Bestände überwiegend von dem Kreuznacher “Leseverein” angeschafft worden sind. Bereits ab 1842 gingen Bücher des Lesevereins in den Besitz des Gymnasiums über, der Gesamtbestand enthielt 15 von Marx exzerpierte Titel.

Elsner fragt sich weiters, ob es an solchen Beständen interessierte Kreuznacher gegeben haben könnte und vermochte zwei Einwohner auszumachen, welche radikaler Ideen verdächtig waren. Über Kontakte Marxens zu solchen und anderen möglichen Gesprächspartnern aus dem Ort ist nichts bekannt; allerdings hielt sich Bettina von Arnim einige Zeit während Marxens Aufenthalt ebenfalls dort auf. Einige Anzeichen weisen auf eine Begegnung hin. Jedenfalls sei dies, wie der Autor des Aufsatzes richtig feststellt, für die Bedeutung der “Kreuznacher Exzerpte” irrelevant, und schloss mit einem netten Bibliothekslob:

Die Badestadt konnte Marx dank der öffentlich zu­gänglichen Bibliothek mit ihren historisch-politischen Buchbeständen und der auch ausländische Zeitungen führenden Lesezimmer im Casino mindestens einen Teil des Lesestoffes bieten, mit dem er seine materialistische Geschichts­auffassung auszubilden begann.

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