Eines Menschen unwürdige Existenz

Im Zusammenhang mit Frühsozialismus, Maschinenstürmerei und der “Logik der Revolten” unlängst gelesen: Friedrich Engels’  “Lage der arbeitenden Klasse in England”.
Er schreibt da über die Weber(familien) vor der Einführung der industriell genutzten Maschinen (hervorgehoben nicht im Original):

Die damaligen englischen Industriearbeiter … fühlten sich behaglich in ihrem stillen Pflanzenleben und wären ohne die industrielle Revolution nie herausgetreten aus dieser allerdings sehr romantisch-gemütlichen, aber doch eines Menschen unwürdigen Existenz. Sie waren eben keine Menschen, sondern bloß arbeitende Maschinen …; die industrielle Revolution hat auch nur die Konsequenz hiervon durchgesetzt, indem sie die Arbeiter vollends zu bloßen Maschinen machte und ihnen den letzten Rest selbständiger Tätigkeit unter den Händen wegnahm, sie aber eben dadurch zum Denken und zur Forderung einer menschlichen Stellung antrieb … die die letzten in der Apathie gegen allgemein menschliche Interessen versunkenen Klassen in den Strudel der Geschichte hineinriß.

Hier scheint mir in einem der frühesten Texte des späteren Marxismus bereits die Schiene gelegt zu sein für die spätere Mißachtung bis zur Verachtung des Landlebens bzw. der Bauern, Nebenerwerbsbauern, vorindustriellen ArbeiterInnen, kurz von allen außer außer dem fabriksmäßig organisierten Proletariat. Hierin sind sich deutsche und österreichische Sozialdemokraten, russische Menschewiki und Bolschewiki, egal ob leninistischer, trotzkistischer oder stalinistischer Prägung, ziemlich einig gewesen. Nicht zufällig korrespondiert diese Engelsche Stelle mit der ziemlich zeitgleich durch Marx erfundenen historischen Mission der Arbeiterklasse als Emancipator der Menscheit.

Wobei Engels in den dem obigem Zitat vorhergehenden Absätzen die Lebensbedingungen der vorindustriell Arbeitenden in einer durchaus zwiespältigen Weise schildert, einerseits als Idylle (die wohl nie so stattgefunden hat), andererseits als gelebte Idiotie dieser dem bäuerlichen Stand noch nahen Weberfamilien. Jedenfalls als Leben in Uneigentlichkeit, als ein Noch-nicht-Mensch-Sein bloß arbeitender Maschinen. Zwar werden sie durch die Industrialisierung vollends zu bloßen Maschinen, aber keine apathischen mehr, sondern sie strudeln sich nun in der Geschichte ab.

Hier der Vorspann zum obigen Zitat, in dem eine Lebensweise heraufbeschworen wird, die menschlichem Maß verpflichtet scheint, der aber von Engels gleichzeitig die Inhärenz kulturellen Potentials abgesprochen wird:

Vor der Einführung der Maschinen geschah die Verspinnung und Verwebung der Rohstoffe im Hause des Arbeiters. Frau und Töchter spannen Garn, das der Mann verwebte oder das sie verkauften, wenn der Familienvater nicht selbst es verarbeitete. Diese Weberfamilien lebten meist auf dem Lande, in der Nähe der Städte, und konnten mit ihrem Lohn ganz gut auskommen,

So kam es, daß der Weber meist imstande war, etwas zurückzulegen und sich ein kleines Grundstück zu pachten, das er in seinen Mußestunden – und deren hatte er so viele als er wollte, da er weben konnte, wann und wielange er Lust verspürte – bearbeitete. Freilich war er ein schlechter Bauer und betrieb seine Ackerwirtschaft nachlässig und ohne viel reellen Ertrag; aber er war doch wenigstens kein Proletarier, er hatte, wie die Engländer sagen, einen Pfahl in den Boden seines Vaterlandes eingeschlagen, er war ansässig und stand um eine Stufe höher in der Gesellschaft als der jetzige englische Arbeiter.
Auf diese Weise vegetierten die Arbeiter in einer ganz behaglichen Existenz und führten ein rechtschaffenes und geruhiges Leben in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit, ihre materielle Stellung war bei weitem besser als die ihrer Nachfolger; sie brauchten sich nicht zu überarbeiten, sie machten nicht mehr, als sie Lust hatten, und verdienten doch, was sie brauchten, sie hatten Muße für gesunde Arbeit in ihrem Garten oder Felde, eine Arbeit, die ihnen selbst schon Erholung war, und konnten außerdem noch an den Erholungen und Spielen ihrer Nachbarn teilnehmen; und alle diese Spiele, Kegel, Ballspiel usw., trugen zur Erhaltung der Gesundheit und zur Kräftigung ihres Körpers bei. Sie waren meist starke, wohlgebaute Leute, in deren Körperbildung wenig oder gar kein Unterschied von ihren bäurischen Nachbarn zu entdecken war. Ihre Kinder wuchsen in der freien Landluft auf, und wenn sie ihren Eltern bei der Arbeit helfen konnten, so kam dies doch nur dann und wann vor, und von einer acht- oder zwölfstündigen täglichen Arbeitszeit war keine Rede.
Was der moralische und intellektuelle Charakter dieser Klasse war, läßt sich erraten.

Sie konnten selten lesen und noch viel weniger schreiben, gingen regelmäßig in die Kirche, politisierten nicht, konspirierten nicht, dachten nicht, ergötzten sich an körperlichen Übungen, hörten die Bibel mit angestammter Andacht vorlesen und vertrugen sich bei ihrer anspruchslosen Demut mit den angeseheneren Klassen der Gesellschaft ganz vortrefflich. Dafür aber waren sie auch geistig tot, lebten nur für ihre kleinlichen Privatinteressen, für ihren Webstuhl und ihr Gärtchen und wußten nichts von der gewaltigen Bewegung, die draußen durch die Menschheit ging. Sie fühlten sich behaglich in ihrem stillen Pflanzenleben …

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