Vom diskreten Charme des RFID

Stadtbibliothek Oberhausen: Wählerischer Bücherei-Automat

Apparat außer Betrieb! Derweil stehen an der Verbuchungstheke Bibliotheksnutzer mit Bücherstapeln vor den zwei Mitarbeitern, und denen wiederum steht trotz der sonst ruhigen Vormittagsstunden der Schweiß auf der Stirn. „Das ist wirklich sehr ärgerlich, dass die Technik nicht funktioniert.“
Auch die Kunden sind alles andere als begeistert. „Das ist schlecht. Ich leihe hier viel aus. Wenn es jetzt schon Probleme gibt, ist das unerfreulich“, regt sich ein Bibliotheksnutzer auf.

Wenn ich bedenke, wie oft die MitarbeiterInnen und die BenutzerInnen der Wiener Büchereien schon vor einer solchen Situation gestanden sind und immer wieder stehen, und darüber jedesmal berichtet werden würde – die Medien wären voll davon.
Da in Wien derzeit alle restlichen Büchereien mit sogenannter “Stapelverbuchung” auf RFID-Basis versehen werden, ist daran zu erinnern, dass auch bei Normalbetrieb entgegen den Versprechungen der Firmen keineswegs alle Medien problemlos verbucht werden können. Wie auch die Oberhausener BibliothekarInnen feststellen konnten:

Ab einem gewissen Metallanteil funktioniert die Technik nämlich nicht. Pakete mit vielen CDs oder etwa das glänzende Guinnessbuch zieht der Apparat nicht ein. „Den größten Teil unserer rund 120 000 Medien nimmt der Automat an, aber wir wollen auf 90 Prozent“

So viele CDs braucht es gar nicht, dass es nicht oder nur nach mehreren Versuchen funktioniert. Oft reicht schon eine und das System streikt. Dass überdies als Standard bei der Selbstverbuchung vorausgesetzt wird, dass die BenutzerInnen die CDs aus ihren Verankerungen einzeln herausnehmen müssen, um sie auch verbuchen zu können, entspricht nicht gerade einem sozusagen “optimierten Kundenservice”.
Jedenfalls scheint eine Erfolgsquote von 90%, wie die Oberhausener erhoffen, für die Wiener Büchereien ein nicht zu erreichendes Ziel zu sein.

Bei der Einführung der Selbstverbuchungsgeräte in mehreren Zweigstellen vor ca. einem halben Jahrzehnt hatte sich herausgestellt, dass Geräte und Leitungen zu schwach für einen funktionierenden Betrieb waren. Fast vier Jahre lang mussten BibliothekarInnen und LeserInnen leiden, bis ihnen a) geglaubt wurde, dass es nicht so funktioniert wie beim Trockentraining und b) bis die Geräte ausgetauscht und die Leitungen verstärkt wurden. *)

Auch danach ist die Nutzung der Selbstverbucher im überschaubaren Rahmen geblieben: Mit Ausnahme von Hauptbücherei, Philadelphiabrücke und Favoritenstraße, wo der Anteil 60% sein soll, pendelt er in den anderen, mit SV-Geräten ausgestatteten Zweigstellen zwischen 5 und 18%.
Inzwischen hört man aus den eben auf RFID umgestellten Zweigstellen ein erstes gepresstes “Das soll eine Erleichterung sein?” …

Die bisherigen Erfahrungswerte seit Einführung von RFID in den Büchereizweigstellen sind jedenfalls:

  • BenutzerInnen gehen nur ungern zur Selbstverbuchung, weil sie zumeist sowieso eine an der Theke zu erledigende Angelegenheit haben; da die Theken nunmehr schwächer besetzt sind, werden die Wartezeiten eher länger.
  • Die Thekenverbuchung ist mit RFID langsamer als mit Barcode, wie alle, die mit beiden Systemen gearbeitet haben, bestätigen.
  • Für die Büchereibediensteten wird es anstrengender, mehr Konzentration ist erfordert, die Augen werden mehr belastet, übereinstimmend erzählen die meisten von Kopfschmerzen, und überreizten Nerven und Schlafstörungen im Anschluss an einen Verbuchungsarbeitstag.
  • Die zahlreichen Alarmauslösungen zeugen nicht von erhöhter Diebsstahlsbereitschaft, sondern von Fehlfunktionen und nerven zusätzlich.

Hauptsache es wird – da die Leitung von fiktiven Personalersparnissen ausgeht – Personal frei, auch wenn es nur in den Zellen von Exceltabellen existiert.

*)  Zum Thema siehe auch:

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