Danksagung eines Marx-Biographen und die Selbstreferenzialität zweier Textstellen

Im Anschluss an seine gut zu lesende Marx-Biographie dankt der Autor Francis Wheen naturgemäß allen möglichen Institutionen und Personen und schließt mit der ebenso üblichen Deklaration der Verantwortung für die Endfassung:

Jegliche Irrtümer bei Tatsachen oder Interpretationen gehen selbstverständlich allein auf das Konto meiner geliebten Söhne Bertie und Archie.

Möchte gerne wissen, was die Söhne angestellt haben ;-)

Bei dem Vergleich zweier Marxscher Textstellen produziert der Autor sowas wie eine fraktale Dynamik, da der Inhalt der im Abstand von 15 Jahren geschriebenen Sätze auch auf ihre eigene Abfolge bezogen gesehen werden kann. Die erste Stelle stammt aus einem Romanfragment, “Skorpion und Felix“:

Jeder Riese, also auch jedes Kapitel von 20 Zeilen sezt aber einen Zwerg, jedes Genie einen ledernen Philister, jeder Aufruhr der Meere Schlamm und, sobald die ersten verschwinden, beginnen die lezteren, nehmen Platz am Tische und strecken gewaltsam ihre langen Beine aus.
Die ersten sind zu groß für diese Welt, drum werden sie hinausgeworfen. Die lezteren dagegen schlagen Wurzeln in ihr und bleiben, wie man sich denn aus Thatsachen überzeugen kann, denn der Champagner läßt einen bleibenden, widerlichen Beischmack, der Held Cäsar den Schauspieler Oktavian, der Kaiser Napoleon den Bürgerkönig Ludwig Philipp, der Philosoph Kant den Ritter Krug, der Dichter Schiller den Hofrath Raupach, der Himmel Leibnitz die Schulstube Wolf ….

Die zweite Stelle ist der Beginn eines der brillantesten Texte Marxens, des “Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte“:

Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce. Caussidière für Danton, Louis Blanc für Robespierre, die Montagne von 1848-1851 für die Montagne von 1793-1795, der Neffe für den Onkel. (…) (Wenn die Menschen) damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neuen Weltgeschichtsszene aufzuführen. So maskierte sich Luther als Apostel Paulus, die Revolution von 1789-1814 drapierte sich abwechselnd als römische Republik und als römisches Kaisertum, und die Revolution von 1848 wußte nichts besseres zu tun, als hier 1789, dort die revolutionäre Überlieferung von 1793-1795 zu parodieren.

Eine – ja auch bei fraktalen Gebilden entstehende – Abweichung besteht allerdings: Bei den zitierten Textabschnitten stellt der erste eher die Farce dar, der zweite die Tragödie, die im Gewand einer Farce auftritt.
Fraglich bleibt für mich, welchen Erkenntniswert die Feststellung der Ereignisverdopplung hat. Außer, dass sich massenhaft, auch aktuellste Beispiele für solche finden lassen und vieles scheinbar Neues ungeheuer schal schmeckt. Was ja meine Frage fast schon beantwortet hat ;-)

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