Argumentationszickzack, Substanzverlust und Kostenfrage


Wie berichtet, lieferte die Bibliothekarische Leitung der Wiener Büchereien hintereinander verschiedene Begründungen für ihre Vorgabe an die Zweigstellen, 200.000 Medien abzuschreiben.
Zuerst war es gelebter Alarmismus: Wenn wir nicht durch Verringerung des Medienbestands die Umsatzzahlen steigern, dann kriegen wir die Bundesförderung nicht! Die nahe liegende Alternative, durch gezielte Maßnahmen die Entlehnungen und damit die Umsätze zu steigern, kam dabei nicht zur Sprache.
Als durch BibliothekarInnen aufgedeckt wurde, dass der Zusammenhang zwischen Abschreibungen und Bundesförderung nur eine Schutzbehauptung war und keine reale Gefährdung der Subvention besteht, wurde ein anderer Grund nachgeliefert: Weil die Gemeinde Wien das Medienbudget teilweise eingefroren hätte, müsse man aus qualitativen Gründen Bücher massenhaft abschreiben.
Mit dieser in sich widersprüchlichen Argumentation lohnt sich eine Auseinandersetzung nicht, denn es wurde gleich die nächste, diesmal wohl zutreffende nachgereicht:
Da alle Zweigstellen nunmehr auf die RFID-Technik umgestellt würden, müssten vorher aus Kosten- und Arbeitsersparnis möglichst viele Medien aus dem Bestand eliminiert werden.
Bei der genannten Zahl von 200.000 zu eliminierenden Medien und beim Gesamt-Medienbestand der in Frage kommenden Büchereien von ca. 950.000 bedeutet dies eine Bestandsreduktion von mehr als 20%.
Da schon aus Überlebensgründen die einzelnen Büchereien vor allem jene Medien abschreiben werden, welche nicht die optimalen Renner sind und jene bewahren, welche “leichte” Entlehnungen versprechen, dann ist ein tief gehender Substanzverlust der Wiener Büchereien vorprogrammiert.
Die Leitung will dem ihren Aussagen nach mit der Erstellung eines “Kanons” gegensteuern. Zu diesem Thema demnächst in diesem Blog.
Im Zusammenhang mit der angeordneten RFID-Umstellung bei gleichzeitig angespannter Budgetlage ist vorerst die Frage nach den Kosten und deren Sinnhaftigkeite zu stellen.
Eines steht schon fest: was auch immer diese Umstellung kosten wird, es wird sauteuer werden und nach allen bisherigen Erfahrungen von Hauptbücherei und den inzwischen umgestellten Zweigstellen noch teurer als zuvor budgetiert. Dagegen bleiben viele seit Jahren bestehende Mängel weiter bestehen. Beispielsweise

  • die elende Raumklima-Situation in vielen Zweigstellen, bei Sommertemperaturen von dauerhaft über 30°
  • die oft erbärmliche Ausstattung des Mobiliars sowie oft jahrelang nicht ausgemalte Wände,
  • die unprofessionellen (weil nur in Eigenregie und zum Nulltarif erstellten) Orientierungssysteme,
  • unzureichende Hinweistafeln auf Büchereien im Öffentlichen Raum
  • der nicht mal den Anforderungen eines Web 0.9 genügende elektronische Katalog,
  • die aus Kostengründen deaktivierte Möglichkeit, sich per Katalog Medien in die gewünschte Zweigstelle schicken zu lassen,
  • und vieles andere mehr.

Hier wäre Geld sinnvoll im Sinne der BüchereibenutzerInnen und der BibliothekarInnen eingesetzt. Hat aber keine Chance.

Daher ist die Frage angebracht: was bringt die Einführung der RFID-Verbuchung in alle Büchereien?
Beginnen wir mal mit einer ganz positiven Antwort: durch das einheitliche System fällt die Aussortierung von Medien aus RFID- und Barcodesystem-Büchereien weg, kann damit die Akzeptanz der Selbstverbuchung erhöhen und spart damit Dienstposten ermöglicht damit den BibliothekarInnen, sich noch intensiver um die BüchereibenutzerInnen zu kümmern, beispielsweise ihnen zu vermitteln, dass Erde durchaus eine Scheibe sein könne, wenns um amtliche Argumentationskonsistenz geht.

Dieser positiven Antwort stehen einige subpositive entgegen, die aber einen eigenen Blogbeitrag verdienen. Den ich aber jetzt nicht schreibe, weil ich in die Bibliothek gehe :-)

One Response to “Argumentationszickzack, Substanzverlust und Kostenfrage”

Kommentar

  • (wird nicht veroeffentlicht)

XHTML: Dieser Code kann verwendet werden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>