Verbrämung, Vorstufe oder Vorhut? Der Antisemitismus.

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Wenige Tage nach Fekters unsäglichem Gequatsche, dass die Judenverfolgung in Wahrheit eine Verbrämung des Hasses auf “Ähnliches” wie Banken und Reiche gewesen sei, fand ich zufällig eine erstaunliche Parallele in einer Biographie über Eduard Bernstein.
Da ging es um den Kampf der deutschen Sozialdemokratie gegen den von bürgerlichen Parteien bewusst forcierten Antisemitismus am Ende des 19. Jahrhunderts. Das August Bebel zugeschriebene Wort, dass der Antisemitismus “der Sozialismus der dummen Kerle” sei, war Parteimeinung. Allerdings hatte ich dies immer als eine klare, unübersteigbare Trennlinie zwischen Sozialdemokraten und Antisemiten, welcher Klassenangehörigkeit auch immer, verstanden. Tatsächlich wurde dies von den führenden Sozialdemokraten jener Zeit aber anders gesehen. So schrieb Bernstein in einem Artikel in der “Neuen Zeit” 1893 (fett nicht im Original):

Bei den Massen des Volkes wird der Antisemitismus nur da Anhang gewinnen, wo die Sozialdemokratie noch nicht Licht in die Köpfe gebracht hat (…) Er ist das Zwischenglied, das sich zwischen Sozialismus und die reaktionären Parteien schiebt – scheinbar als Damm gegen den ersteren, thatsächlich als Vorstufe für denselben.

Dieser Gedanke, dass Antisemitismus unentwickeltes sozialistisches Bewusstsein sei, wird ungefähr zu dieser Zeit auch in einer Parteibroschüre ausgeführt:

Und die Antisemiten? … Sie bilden die Vorhut der Sozialdemokratie, indem sie in Kreise eindringen, die der letzteren noch nicht zugänglich sind. Durch die Behauptung, die Juden seien die Ursache alles sozialen Elendes, veranlassen sie ihre Anhänger, über diese Ursachen nachzudenken und bewirken dadurch die Entstehung von Klassenbewusstsein in rückständigen Volksschichten.

(Ludwig Knorr, Sozialdemokratischer Katechismus [sic!] für das arbeitende Volk. 1894)

Natürlich läßt sich diese Illusion der Sozialdemokratie vor über 100 Jahren nicht mit der Dummheit von Fekter vergleichen, aber in beiden Fällen wird von der Annahme ausgegangen, dass sich “hinter” dem Antisemitismus etwas anderes verbirgt bzw. das eigentliche Ziel des Angriffs sei. Was bei den Sozialdemokraten ein historischer Irrtum war, ist bei der heutigen Politikerin eine ahistorische Verharmlosung des Antisemitismus.


Damit nicht mehr im Zusammenhang, aber ebenfalls aufschlussreich: Gut zwanzig Jahre und einen Weltkrieg später zeigte sich, dass manche von Bebels “dummen Kerle” sich mit der Zeit zwar der SPD angeschlossen hatten, aber weiter in ihrer geistigen “Vorstufe” verharrten. Wobei es sich dabei um hochrangige Parteimitglieder handelte, wie aus der im selben Buch über Bernstein behandelten Auseinandersetzung am SPD-Parteitag 1919 ersichtlich wird. Bernstein hielt eine Rede, in welcher er sich – auch als Signal gegen den deutschen Nachkriegsnationalismus – für eine Annahme des Versailler Vertrags aussprach, sowie das Selbstbestimmungsrecht Elsaß-Lothringens und die Wiederherstellung Polens in den Grenzen vor der 1. Teilung befürwortete. Seine auch heute noch aktuellen Schlussworte waren:

Wir wollen aufräumen mit all dem Plunder der alten Diplomatie, des alten Systems. Unsere Außenpolitik muß eine rückhaltlose internationale Politik sein. Das wird die beste Politik sein für unser Volk. Es wird die beste Politik sein für Europa, für die große Familie der Völker, der ganzen Kulturwelt.

Zu diesen Sätzen gab es Beifall, doch ansonsten hagelte es harrsche Kritik von den Parteifreunden, etwa von Scheidemann, der Bernstein vorwarf, er sei

in der Beurteilung der Gegner [sic!] geradezu ein Engel der internationalen Gerechtigkeit, aber für die Deutschen ein Advokat des Teufels. Er stellt uns schlimmer dar, als das durch unsere schlimmsten Feinde geschehen könnte.

Das war aber nur ein Vorgeschmack, denn jetzt marschierten die “dummen Kerle” auf. Ein Adolf Braun  griff gleich in die Vollen:

Genosse Bernstein, Sie müssen uns schon gestatten, daß wir Ihnen jetzt einmal ganz offen sagen, was wir von der Art Ihres Wesens denken. Sie müssen einmal hören, daß wir Ihnen in der talmudistischen Methode Ihrer Politik nicht folgen können.

Der spätere Reichskanzler Hermann Müller setzte hinzu:

… Man darf eben nicht alle Dinge unter dem Gesichtspunkt des Rabbiners von Minsk behandeln, wenn man aktuelle Politik zu machen hat.

Was waren das für Zeiten gewesen, als die Sozialdemokratie in den 80er Jahren des damals vorigen Jahrhunderts bei den Berliner Kommunalwahlen mit der Nominierung von Paul Singer, einem jüdischen Kaufmann, offensiv der Hetze getrotzt hatten. Mit Erfolg: Singer wurde in seinem Bezirk mit absoluter Mehrheit gewählt.

Womit wir wieder in der Gegenwart wären, in der es auch um Hetze gegen Mitmenschen geht und um die Entscheidung der Sozialdemokratie, ob man sich ihr beugen oder gegen sie vorgehen soll.

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