Antiamerikanismus – ein Erbe?

Im “Januskopf”, einem im aktuellen Presse-Spectrum abgedruckten literarischen Text von Robert Schindel, steht zu Achtundsechzig und Antiamerikanismus:

“… der Antiamerikanismus ist ein rüstiger Wanderer. Vierschrötig und braunhemdelig bekämpft er das Negeramerika, das Judenamerika, das ja schon immer der nordischen Nation ans Eingemachte wollte. Er wanderte in den Vätern. Die machten nach dem Krieg einen faulen Frieden mit Amerika, verführt vom Marshallplan. Aber in Sandalen und mit Nickelbrille, mit Levis-Jeans marschiert der Wanderer gegen das imperiale Amerika, das westlich-pseudodemokratische Amerika. Ami go home. Drei, vier, viele Vietnam. Er wanderte in den Söhnen und Töchtern. Er kommt herum, dieser Wotan.”

Ich vermute dagegen, dass im damaligen linken Wien von 1967 und 1968 der Antiamerikanismus eher bei jenen vorkam, die aus kommunistischen, oft von Hitler zu Juden gemachten Widerstandsfamilien stammten. Weiters  dürften die meisten der  Protagonisten der “Kommune Wien”, mit der das 1968 von den Medien in Wien eröffnet schien, so zwischen 1940 und 1948 geboren worden sein und von denen hatten wohl nur wenige mit der Musik- und Poprevolution der Sixties etwas anzufangen gewusst. Ihr Musikgeschmack neigte entweder der Klassik bis Shostakovitch zu oder dem Jazz.
Beatles, Rolling Stones, Woodstock und lange Haare waren nicht ihr Ding. Die sexuelle Revolution schon eher ;-)
Für die “Jung-Achtundsechziger” aber, etwa zwischen 1949 und 1953 geboren, war die “Poprevolution” bereits die erste Revolution gewesen, die irgendwann vor Mitte der 60er begonnen hatte und immer intensiver werdend für sie ins Neunzehnachtundsechzig mündete. Hier gab es diesen Antiamerikanismus kaum, im Gegenteil, “Amerika”, das für viele kurz noch “Kennedy” gewesen war, fand sich nun in Kerouac und Ginsberg, in Berkeley und Marcuse, sowie in den Black Panthers plus Hippies, begleitet von Bob Dylan,  Joan Baez, Pop-Art und Living Theatre.
Hier kamen zwei Kulturen zusammen, die in vielem nicht zusammenpassten, aber sich bezüglich USA in einem fanden: Die Regierung dieses Landes führte gerade einen brutalen Krieg gegen ein kleines Volk in Asien. Und das andere Amerika war mit den Vietnamesen gegen die eigene Regierung. Die nunmehrige Parteinahme gegen die USA-Politik, verbunden mit den entsprechenden Aktionen, war für viele  der entscheidende politische Schritt nach der vorangegangenen “kulturellen Revolution”, während für die “kommunistischen” Achtundsechziger die Entscheidung für Vietnam und gegen USA nicht wesentlich von der bisherigen Praxis im Rahmen der KPÖ abwich.
Der Antiamerikanismus, den Robert Schindel meint, kam meines Erachtens erst später, wahrscheinlich sogar erst nach der dogmatisch-maoistischen Ausformung der Achtundsechziger-Strömung – MLS und Kommunistischer Bund -,  bei denen ja der Kampf gegen “beide Supermächte” im Vordergrund stand.
Die in Roberts Text angesprochene Verknüpfung von Antiamerikanismus und Ablehnung des Staates Israels bis hin zum Antisemitismus fand in Wien – wenn mich meine Erinnerung nicht trügt oder ich es überhört haben sollte – auch nicht oder nicht vorwiegend in der von ihm geschilderten (im Text geträumten) Weise statt:

„Die Naziväter“, sagt er [der Januskopf des Achtundsechzigers], „sind unerträglich. Aber der US-Imperialismus ist erst recht unerträglich. Israel aber ist ein Kettenhund dieses US-Imperialismus. Hier haben unsere Väter einen Punkt erwischt. Denn wer hat Einfluss auf die amerikanische Politik? Wer strebt – halten zu Gnaden – nach Weltherrschaft? Schon Papi hat’s gesagt, er ruhe in Frieden.“

Im Grunde war das kein Thema. Allerdings gab es auch hier zwischen “kommunistischen” Alt-Achtundsechzigern und “amerikanischen” Youngsters einen erheblichen Unterschied. Die Jungen nahmen zu Israel in der Regel eine positive Haltung ein (etwa zu sozialistischer Kibbuzbewegung), welche sich auch 1967 im 6-Tagekrieg in einer Parteinahme für die einzige Demokratie im Nahen Osten äußerte (wenn auch oft mit der ererbten Konnotierung, dass diese Juden so ganz anders seien als die früheren …). Diese Einstellung änderte sich erst mit der fortschreitenden Politisierung und Dogmatisierung in den 70ern.
Von den “kommunistischen” Alt-Achtundsechzigern setzten sich 1967 dagegen viele für den “gerechten Kampf der arabischen Völker” und gegen den Zionismus ein, was sowohl mit dem tradierten Politbewusstsein kompatibel war, aber auch aus der Solidarisierung mit den durch die österreichischen Medien verspotteten Arabern zu tun hatte, die ihre Sandalen auf der Flucht vor den Israelis verloren. Damals fiel auch der Satz, dass die heutigen Juden in Nahost die Palästinenser seien.

Die Vereinigung dieser beiden Gruppen der Achtundsechziger erfolgte meines Erachtens erst im “antiimperialistischen Antizionismus” des Kommunistischen Bundes. Besser gesagt, die Vereinigung jener, die den dogmatischen Weg gingen, wie unter anderem Robert Schindel und auch ich.
Als diese lange Nacht unserer geistigen Verblödung vorbei war, setzte bei den meisten, die ich aus jener Zeit kenne, ein langer Nachdenkprozess ein, der oft im Mittelpunkt das Verhältnis zu Israel hatte, sowohl bei jüdischen als auch bei nichtjüdischen Achtundsechzigern. Daher verstehe ich nicht, wieso Robert diesen Nachdenkprozess auf die jüdischen reduziert:

Vor etwa 20 Jahren haben die jüdischen Achtundsechziger den Pakt mit den nichtjüdischen kündigen müssen. Damals sagte Wolf Biermann: „Bindet eure Palästinensertücher fester. Wir sind geschiedene Leute.“

Die von Robert und Biermann Gemeinten scheinen mir eher eine Generation später, bei den Politisierten der 80er Jahre anzutreffen sein, allenfalls bei solchen, die in den dogmatischen Bewegungen der 70er erstmals politisiert wurden. Altachtundsechziger in Wien erlebe ich dagegen eher nachdenklich und selbstkritisch, viel näher an antideutsch als an antimp.

Im übrigen ist mir klar, dass der abgedruckte Text ein literarischer, noch dazu ein träumender  ist und mehr Implikationen hat als die von mir betrachteten Aussagen. Insofern ist dies hier auch nicht als Textkritik aufzufassen. Sondern als ein anderer Traum von der gemeinsamen Sache ;-)

 

Nachtrag: Der Haken bei dem Ganzen ist allerdings, dass im Text nie von der Situation in Wien gesprochen wird, im Gegenteil eine markante Persönlichkeit der deutschen 68er genannt wird. Und in Deutschland gab es tatsächlich einen in der Bewegung gewachsenen Antiamerikanismus sowie 1969 einen Anschlag auf das Jüdische Gemeindezentrum in Berlin von linksradikaler Seite. Ebenso sollte nachdenklich machen, dass die Mahlers und Rabehls möglicherweise nicht ganz zu unrecht behaupten, dass sie sich nicht geändert hätten, nur die Verhältnisse.

Alles ist immer allemal komplizierter als          ;-)

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