Lösung für weniger Ankaufsbudget: Massenabschreibung des Buchbestands.

Wie berichtet, ist ein Teil des Medienankaufsbudgets der Wiener Büchereien vorläufig “eingefroren” worden. Der Umgang mit dem Problem, dass damit das Medienangebot der Büchereien geringer wird, ist für die Leitung ganz einfach: Auch bereits vorhandene Medien eliminieren.
Im bibliothekarischen Neusprech liest sich das so:

“Wir sind zudem entschlossen, daraus etwas Gutes zu gestalten. “Gut” heißt hier: einen qualitativen Fortschritt in den Beständen. Wie von der Leitung wiederholt angemerkt, sind die Regale in vielen unserer Zweigstellen überfrachtet – und dies zum Teil mit nicht wirklich Notwendigem.
Eine Analyse der Aktivierungsgrade zeigt, dass beträchtliche Teile der Bestände selten oder fast nie entlehnt werden; deshalb sind alle Zweigstellen aufgerufen, diese Teile auf ihre Notwendigkeit und Sinnstiftung hin zu kontrollieren.”

Die Leitung hat auch bereits gezählt, wie viele überflüssige Bücher in den Regalen stehen, nämlich 200.000, die in diesem Jahr abzuschreiben seien.

Allerdings wurde dies ursprünglich mit der Notwendigkeit begründet, die Bundesförderung zu erhalten. BibliothekarInnen aus den Zweigstellen konnten aber aufzeigen, dass diese scheinbare Notwendigkeit aus einer anderen Berechnungsmethode abgeleitet wurde, die intern verwendet wird, aber für die Berechtigung zum Erhalt der Bundesförderung  irrelevant ist.
Nun läuft die Argumentation der Leitung so, dass eine massenhafte Medien-Abschreibeaktion wegen der Budgeteinfrierung erfolgen soll. Was ebensowenig miteinander zu tun hat. Denn wenn nun auftragsgemäß die Bücherregale durch Abschreibungen teilweise frei werden sollen und andererseits weniger Medien angekauft werden können, um die Lücken zu füllen, wäre es umso wichtiger, dass dann auch die richtigen und nachgefragten Medien je nach dem Schwerpunktgebiet der jeweiligen Zweigstelle angekauft werden.
Zu diesem Zweck hat es neben zentral erstellten Auswahlliste immer die Möglichkeit von “Selbstankäufen” der einzelnen Zweigstellen gegeben, für Buchersätze und für Schwerpunktergänzungen, was zwar ein nicht unbeträchtlicher zusätzlicher Aufwand ist, aber unumgänglich, um das entsprechende Angebotsniveau zu halten, weil mit den allgemeinen Auswahllisten allein ist das nicht möglich.
Da aber die befohlene Medien-Sonder-Eliminieraktion naturgemäß einiges an zusätzlichen Arbeitskraft-Ressourcen verschlingt, hat die Leitung einen Verschlimmbesserung parat:

“Da im Jahr 2011 in der Bestandsarbeit ein besonderes Augenmerk auf die Abschreibungen gelegt werden soll, wird zugleich wird die Möglichkeit des Selbstkaufs gegenüber den letzten Jahren etwas reduziert: bei Printmedien liegt demnach die nunmehrige Betragsobergrenze bei EUR 3000,00. Dies betrifft bei Lichte besehen relativ wenige Zweigstellen und spiegelt wider, dass der “Entstaubungsprozess” – wie erwähnt – eine arbeitsintensive Aufgabe darstellt und die ebenfalls arbeitsintensiven dezentralen Selbstkäufe vorderhand etwas zurückstehen müssen.”

Damit wird den BibliothekarInnen schlicht weitgehend die Möglichkeit genommen, die Kürzungen durch punktgenauere Einkäufe qualitativ halbwegs auszugleichen. Denn diese 3.000 Euro Selbstankaufsbudget sind vor allem für größere Zweigstellen ein schlechter Witz, weil damit eine gezielte Bestandspflege unmöglich ist.

Doch ist noch nicht aller Tage Abend. Der Leitung der Büchereien fällt immer was ein.
Daher demnächst Berichte

  • über den wirklichen Grund für die Abschreibepflicht von 200.000 Medien und
  • über den Einbruch des Kanons in das Wiener Büchereiwesen


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