“[...] Unter all den öffentlichen Stammtisch-Suderanten, Avatar-Anarchisten, Trollen und ewigen Besserwissern, die sich – natürlich! – in Webforen daheim wie bei Muttern fühlen, sind auch genug gescheite, hinterfragende, ergänzende und weiterführende Fakten- und Meinungslieferanten. Mehr als genug. Auch (und erst recht) anonyme. Wenn Identitäts-Camouflage in diesem Zusammenhang per se fragwürdig ist, müssten auch geheime Wahlen, verdeckte Hinweise, anonyme Anzeigen, letztlich sogar Maskenbälle, Kostümgschnase und Dark Rooms durch die Bank unmoralisch sein. Das ist natürlich Unsinn, weil realitätsfremd. Und der menschlichen Natur zuwiderlaufend. [...]“
Dazu ist mir heute ein Kommentar untergekommen, der schon einige Jährchen am Buckel hat, genau genommen knapp 90 Jahre, aber sich ebenfalls mit dem Problem der Anonymität bzw. der Verwendung von Pseudonymen befasst:
Der Sowjet hatte in das Exekutivkomitee (…) Grinewitsch-Schechter, Alexandrowitsch-Drnitrewskij, Belenin-Schljapnikow, Pawlowitsch-Krassikow, Petrow-Salutzkij, Schatrow-Sokolowskij, Steklow-Nachamkes und Suchanow-Himmer (gewählt). An erster Stelle in dieser Liste ist das Pseudonym angegeben, unter dem der Träger des Namens öffentlich oder literarisch bekannt war und unter dem er in das Exekutivkomitee gewählt wurde. Diese »Pseudonyme« und »Anonyme« erwiesen sich bald als dankbare Quelle für eine Hetze gegen die führenden Persönlichkeiten des Sowjets. Die bourgeoise Presse begann ziemlich einhellig, Anspielungen zu machen, die Demokratie und beinahe ganz Rußland würden von »Unbekannten« regiert, von irgendwelchen, möglicherweise sehr finsteren und auf jeden Fall niemandem bekannten Personen, die hinter dem Rücken der sowjetischen Massen stünden. Eine nicht mehr neue und von den Schakalen der Reaktion wohlerprobte Methode! Unsere verehrte Presse beider Hauptstädten unterstrich, wie unanständig der Gebrauch von Pseudonymen, das Verbergen von Namen und eine derartige »verantwortungslose« Situation doch für Leute seien, die eine gewaltige und verantwortungsvolle öffentliche Arbeit auf sich genommen hätten.
Grundsätzlich war das richtig. Doch es geschah nicht etwa, weil die Mitglieder des Exekutivkomitees üble Hintergedanken gehabt hätten. Der Gebrauch von Parteinamen und literarischen Pseudonymen war unter dem zaristischen Regime schiere Notwendigkeit. Nach der Revolution blieben sie in der ersten Zeit aus dem einfachen Grunde im Umgang, weil sie mehr oder weniger breiten Kreisen bekannt waren, während überhaupt niemand die offiziellen Paßnamen kannte. (…) Als man das schmutzige Spiel, das die bourgeoise Asphaltpresse mit dieser Angelegenheit trieb, durchschaute, wurden auf Beschluss des Exekutivkomitees alle Namen mit den Pseudonymen in der Iswestija veröffentlicht.
(Nikolaj N. Suchanow, 1917. Tagebuch der Russischen Revolution. 1922.1967