Sozialismus des “Sichhinaufopferns” – aus Fritz Brupbachers Erinnerungen (1)
Eher zufällig bin ich auf die Selbstbiographie von Fritz Brupbacher “60 Jahre Ketzer. Ich log so wenig als möglich” gestoßen. Brupbacher war wenige Jahre jünger als Lenin, und agierte von Jugend an als anarchistisch orientierter Schweizer Querkopf, arbeitete als Armenarzt und wurde international bekannt als Sexualreformer und Sexualaufklärer – ein Kapitel in seinen Erinnerungen ist daher folgerichtig übertitelt mit: “Pessar und Pistole:”
Ich war für Reform und Revolution, für Pessar und Pistole. Damit stieß ich an bei den Reformisten und bei den Revolutionären. Die Leute konnten nicht begreifen, dass man sich auf Revolution und Nichtrevolution gleichzeitig einstellen könne.
In seinem Gästebett in Zürich haben viele, vor allem russische RevolutionärInnen unterschiedlichster Richtungen geschlafen, die gerade frisch emigriert waren oder auf dem Weg zur Untergrundarbeit. Dadurch gewann er einen tiefen Einblick in das revolutionäre Denken seiner Zeit und verfügte über Kontakte wie sonst kaum jemand.
Vorerst aber machte er seine Erfahrungen mit der Sozialdemokratie (vor dem Ersten Weltkrieg):
Ich trat in die Sozialistische Partei ein mit dem Willen, die bürgerliche Gesellschaft und ihre Kultur mit meiner Propaganda zu untergraben. Die Partei des Proletariats sollte der Dynamit sein, der diese Gesellschaft in die Luft zu sprengen hätte. Als ich mir diese Partei etwas näher ansah, merkte ich, daß sie aus recht verschiedenen Teilen bestand, daß aber keiner von ihnen so ganz dynamitartig war.
Es waren viele unter ihnen, die meinten, sie seien Revolutionäre, weil sie sich und ihre Kinder nicht kämmten, nicht wuschen und immer ein bißchen angesäuselt waren in den Sitzungen durch den Genuß des vielen Bieres, das sie konsumierten. Die Affekte, die das Bier in ihnen auslöste, hielt dann mancher von ihnen für Radikalismus. Aber dieser Radikalismus ging einfach darauf hinaus, daß man furchtbar wild über taktische Fragen diskutierte, die Parlamentssitze und ähnliches betrafen. Kenntnisse vom Sozialismus hatten sie gar keine. Es reichte nicht einmal zum Festredner.
Aber schon stand hinter ihnen eine andere Generation, die der gut qualifizierten, fleißigen Typographen, Holz- und teilweise auch Metallarbeiter. Sie wurden später alle etwas in der Gemeinde, brachten es bis zu den höchsten Stellen, mit Besoldungen, die gut über das Mittelbürgerliche hinausgingen. Da sie aus dem Volk kamen, kannten sie das Volk und wußten es zu behandeln, und da sie nüchterne und geschäftige Menschen waren, so gab ihre Tätigkeit aus. Sie wurden zuerst Arbeitersekretäre, überhaupt Verwaltungsleute in der Partei, den Gewerkschaften und Genossenschaften, wurden später in die Gerichte und in die Gemeindeverwaltung hineingewählt. Es war die Generation, die in Deutschland als Noske, Scheidemann, Severing, Ebert den Sozialismus verraten hat. Bei uns gab es hierzu weniger Gelegenheit.
Der ganze Geist der Bewegung unterschied sich von dem der Bürger nur darin, daß man es weniger gut hatte als die Bürger und es gern ebensogut gehabt hätte. Man war Kapitalist ohne Kapital. Wo es immer anging, suchte man durch die Politik aufzusteigen. Die Politik wurde ein neuer, gar nicht schlechter Weg zum persönlichen Aufstieg.
Neben dem russischen Sozialismus des Sichopferns war dieser Sozialismus des „Sichhinaufopferns“ recht kläglich anzuschauen und gab zu denken.
Knapp vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs und der schmählichen Kapitulation der europäischen Sozialdemokratie vor dem Imperialismus der eigenen Regierungen wurde Fritz Brupbacher, wie er in seinem Buch berichtet, aus der Sozialistischen Partei der Schweiz ausgeschlossen. Laut Wikipedia wäre der Ausschluss aufgrund der Intervention von Freunden aber sistiert worden und Brupbacher 1920 selber ausgetreten, um in die Kommunistische Partei einzutreten. Seine Erfahrungen mit der KP und der Komintern folgen demnächst.