Eine Frage des Wahnsinns

1.

Auf dem Weg zu Bruckners Fünfte im Musikverein las ich in Ignazio Silones Bericht über Anfang und Ende seiner Tätigkeit in der Kommunistischen Weltbewegung. Er erzählt davon, dass nach Ausrufung der “Ausnahmegesetze” durch die italienischen Faschisten einige Kommunisten für eine Nacht Zuflucht in einer mailändischen Villa gefunden hatten. Alle mit Decknamen und Deckberufen.

Der Dentist sprach als erster: “Heute nachmittag kam ich an der “Scala” vorbei. Vor der Kasse stand eine lange Schlange Menschen, die Karten für das nächste Konzert kaufen wollten. Ich blieb einen Augenblick stehen, um sie zu beobachten. Sie kamen mir vollkommen wahnsinnig vor.”
“Wieso?” fragte der spanische Tourist. “Ist die Musik in deinen Augen Wahnsinn?”
“In normalen Zeiten nicht”, räumte der Dentist ein. “Aber wie kann einem in diesen Zeiten die Musik Zerstreuung bieten? Dazu muß man doch wahnsinnig sein.”
“Musik ist nicht nur eine Angelegenheit der Zerstreuung”, bemerkte der spanische Tourist.
“Wenn diese Musikenthusiasten uns jetzt sehen könnten und erführen, was wir sind und was wir treiben”, setzte der Maler hinzu, “würden sie uns höchstwahrscheinlich für verrückt erklären. Es läßt sich nur sehr schwer entscheiden, wer wirklich die Verrückten sind. Vielleicht ist das eine der schwierigsten Fragen.”

2.

Während des Wartens in der Stehplatzschlange machte ein Billeteur eine Frau darauf aufmerksam, dass sie ihren (kurzen) Mantel in der Garderobe abzugeben habe. “Ich denke gar nicht daran!” war die Antwort der Frau. Der Billeteur beließ es vorerst dabei, der Mann neben der Frau versuchte ihr zu erklären, dass dies Vorschrift sei. Als der Zugang zum Konzertsaal geöffnet wurde, versuchte der Billeteur die Frau am Weitergehen zu hindern, doch sie stieß ihn ab und schritt die Stufen hinauf. Daraufhin stellte sich der Mann, welcher den Vorschriftshinweis getan hatte, vor sie hin und versuchte sie ebenfalls zu stoppen, mit den Worten, dass es hier in Österreich so üblich sei. Die Frau, an deren Aussprache zu erkennen war, dass deutsch nicht ihre Muttersprache ist, fragte ihn empört, was für ihn Österreich sei und ging mit Vehemenz weiter, so dass er sie ziehen lassen musste, wenn er nicht handgreiflich werden wollte.

3.

Während des Zweiten Satzes der Symphonie erlebte ich einige Augenblicke, die mir überirdisch erschienen.

“Ein Klassiker des Marxismus war er nicht”

“Vor und nach dem 5. März, in den schmerzerfüllten Tagen der Beisetzung des Großen und Weisen, wurde das Radioprogramm von Johann Sebastian Bach beherrscht. Seiner Musik wurde so ungeheuer viel Platz eingeräumt wie nie jemals zuvor. Langsam, erhaben und in durchsichtiger Klarheit floß die Musik aus allen Lautsprechern unserer Baracke (…)

Es war unfassbar: In dieses gigantische, so klug erdachte und geplante System hatte die eigenwillige Hand des Todes eingegriffen. Jeder war daran gewöhnt gewesen, daß hochgestellte Persönlichkeiten nur auf höchstpersönlichen Befehl des Genossen Stalin starben. Und nun plötzlich das… Nein, wirklich -, das hatte etwas Skandalöses an sich, fast etwas Anstößiges

So sollten feierliche Klänge von Johann Sebastian Bach mithelfen, das wankende Bild des Erhabenen zu stützen.

Jewgenia Ginsburg, Gratwanderung, 416, 418

Und ich richte
an unsere Regierung
die Bitte:
Verdoppelt,
verdreifacht
an diesem Grabstein die Wachen.

Jewgenij Jewtuschenko, “Den Erben Stalins”

“Ein Klassiker des Marxismus war er nicht.” Walter Ulbricht

“Können Bücher schädlich sein?”

Marie Jahoda geht in dem 1954 abgeschlossenen Forschungsbericht obiger Frage unter psychologischen Gesichtspunkten auf empirischer Grundlage nach, verweist aber zuvor auf Auffassungen von Aristoteles und Plato zum Thema, welches letztlich die Frage von Zensur oder nicht Zensur beinhaltet. Plato war hier sehr rigide:

“Sollen wir einfach zulassen, daß Kinder alle müßigen Geschichten hören, die müßigen Personen einfallen mögen, und Ideen in sich aufnehmen, die zum Großteil das genaue Gegenteil jener sind, die uns als für sie wünschenswert erscheinen, wenn sie erwachsen sind?”

Auf diesem Level waren und blieben bekanntlich die Vorkämpfer gegen “Schmutz und Schund” hierzulande in den 50ern, denen es nicht einfiel, ihre Behauptungen über die schädliche Wirkung von “untergeistiger Lektüre” als Ursache für Jugendkriminalität empirisch zu untermauern. Jahoda weist in diesem Bericht nach, dass es da auch nichts zu untermauern gibt, unter anderem auch deswegen, weil kriminell gewordene Jugendliche diejenigen sind, die am wenigsten lesen und daher durch “unterwertige Lektüre” auch nicht negativ beeinflusst werden könnten.
Ist alles Schnee von gestern, auch das folgende Zitat eines Bostoner Bürgers, der 1810 (!) unter dem Pseudonym Nemo Nobody ins seiner Wochenschrift “Something” publizierte und das Romanlesen an sich schon für sittengefährdend hielt. Jahoda führt dieses Zitat in den Anmerkungen als Kuriosität an. Interessanterweise erinnert es in Diktion und Behauptungsgewalt ziemlich genau an den Tonfall jener Publikationen, die sich in den 50ern gegen die Welle von “Schmutz und Schund”, die angeblich über Österreich hereinbrach, stemmen zu müssen glaubten.

“Ein weit gefahrener junger Mann könnte sagen, zeigt mir irgendeine junge Frau, die beständig Romane liest, und ich werde sie verführen; und so grauenerregend die Aufgabe auch wäre, sie wäre rasch vollbracht. Man untersuche die allgemeinen Auffassungen sogar junger Männer, und man wird feststellen, daß Frauen, je mehr sie der Lektüre von Romanen verfallen sind, desto geringer in ihrer Sittsamkeit eingeschätzt werden; man untersuche die Meinung der Älteren, und man wird sehen, daß die also Verfallenen für unvernünftig gehalten werden. Eine Hingabe an das Lesen von Romanen läßt auf einen Geist schließen, dessen Leistungsfähigkeit vermindert ist und der sich mit Nichtigkeiten abgibt; diese Hingabe schwächt die Energien des Geistes, statt ihn zu fördern, und verleitet ihn dazu, sein Wesen an Phantome zu vergeuden, statt die wirklichen Dinge zu fördern”

… der Akt muß dem Verdächtigen nachfolgen, wo immer er sich befindet.

Franz Kain In Grodek kam der Abendstern

Franz Kain schildert in “In Grodek kam der Abendstern” die letzten Tage Georg Trakls, der als “Medikamenten-Akzessist” im 1. Weltkrieg eingezogen worden war, aus der Sicht seines “Pfeifendeckels” Mathias Roth.

“Der da die erste Meldung gemacht hat über den Schlappschwanz Trakl, was hat er gemeint? Hat er gemeint, es müsse dafür gesorgt werden, daß dieser konfuse Apotheker einer solchen für ihn geradezu tödlichen Situation nicht mehr ausgesetzt werden soll? Oder hat er nicht vielmehr gemeint, daß so ein Jammerlappen bestraft gehört, bevor er noch andere ansteckt mit seiner Mutlosigkeit?
Die Meldung ging an irgendeinen Stab, und die Angst Trakls vor einer Ausweitung der Angelegenheit bis zum Kriegsgericht war durchaus berechtigt. Wenn nämlich die Militärgerichtsbarkeit auch in die Verwaltung hinein ihre Fäden hat, um »russophile« Element unter der Bevölkerung ausfindig zu machen, um sie der Militärgerechtigkeit, also dem Erhängen an einem Baum zuzuführen, dann kann man sich vorstellen, daß das Interesse dieses Zweiges der K.u.K. Militärmaschinerie für Vorgänge innerhalb der Truppe noch größer gewesen ist. Der Akt Trakl begann also anzuwachsen und ein geheimnisvolles Eigenleben zu gewinnen, wie es eben Kaderakten eigen ist. Ist einmal ein solcher Akt angelegt, dann ist auch sein automatisches Wachstum schon vorprogrammiert. Wer mutlos vor dem Feind ist, der hat sicherlich auch andere Gebrechen. Und so ein Kaderakt hat eine große Speicherkraft. Da muß man doch ein wenig genauer hinschauen, wenn solche gefährlichen Anzeichen von Wehrkraftzersetzung vorliegen. Da muß man zunächst eine begleitende Obsorge einrichten und der Akt muß dem Verdächtigen nachfolgen, wo immer er sich befindet. Sollte einmal im Zuge ungeordneter Verhältnisse bei der Durchführung von Rückzügen und anderen Elementarereignissen an einem Ort, einem sicheren natürlich, dieses Leumundszeugnis liegen bleiben müssen oder vorausbefördert werden, dann müssen auf jeden Fall die Fäden zu dem Akt erhalten bleiben, wie ein Haarröhrchensystem, zur Ernährung des Ganzen, damit die Zufuhr, wenn auch sparsam, so doch auf alle Fälle weiterfließen kann. Die Beobachtung, die geheime Perlustrierung und die Auswertung neuer Ergebnisse muß also garantiert sein, denn so ein Feldzug, auch wenn er gelegentlich ungeordnet verläuft, hebt die Gerechtigkeit nicht auf. So ein dichtender Apotheker, ohnehin von vornherein verdächtig, muß natürlich auch in bezug auf seine Vor-Zeit durchleuchtet werden, denn so einer kann ja schon als ausgesprochener Zersetzer ins Heer gekommen sein.”

Siehe zu Georg Trakl im 1. Weltkrieg auch die Erzählung “Der Medikamentenakzessist. Erdachte Szenen aus einer Biographie” von Peter Schünemann. Von diesem stammt zum selben Thema auch “Tod in Krakau” – wahrscheinlich im Erzählband “Brief aus dem Meer”

Paul Celan und der bewaffnete Widerstand gegen den Faschismus

Schibboleth

Mitsamt meinen Steinen,
den großgeweinten
hinter den Gittern,

schleiften sie mich
in die Mitte des Marktes,
dorthin,
wo die Fahne sich aufrollt, der ich
keinerlei Eid schwor.

Flöte,
Doppelflöte der Nacht:
denke der dunklen,
Zwillingsröte
in Wien und Madrid.

Setz deine Fahne auf Halbmast,
Erinnrung.
Auf Halbmast
für heute und immer
Herz:
gib dich auch hier zu erkennen,
hier, in der Mitte des Marktes.
Ruf’s, das Schibboleth, hinaus
in die Fremde der Heimat:
Februar. No pasaran.

Einhorn:
du weißt um die Steine
du weißt um die Wasser,
komm,
ich führ dich hinweg
zu den Stimmen
von Estremadura.