21. Januar 1812, Bonn, Judengasse Nr. 807.

Am Samstag, den 21. Januar, wäre Moses Hess, eine der faszinierendsten Gestalten der frühen und auch späteren Emanzipationsbewegung der arbeitenden Klassen, zweihundert Jahre alt geworden.

Nicht nur deswegen habe ich eine Website zu Moses Hess, dem “Communistenrabbi”, erstellt, welche Informationen über ihn bereitstellen und den Zugang zu seinen Schriften erleichtern soll.

Die Seite ist in vieler Hinsicht noch unfertig, wird aber laufend erweitert, da eine ziemliche Menge an Material, vor allem in Hinsicht auf das wechselhafte Verhältnis und Verhalten von Marx und Engels zu Hess noch nicht fertig bearbeitet ist.

Für Hinweise und Kritik bin ich natürlich dankbar. Ahja, Kommentarfunktion sollte ich auf der Seite auch noch implementieren, fällt mir gerade ein.

Das Haus mit dem Giebel ist das Geburtshaus.

Einschlägige Rathauslektüre

In Besprechungen – Berichte und Rezensionen aus den Büchereien Wien Heft 1 Herbst/Winter 2011 (bislang  nur als Heft im Haptik-Modus in den Zweigstellen der Wiener Büchereien erhältlich) wird über die  RealLife-Eröffnung der Wiener Virtuellbücherei berichtet.

Eröffnungen aller Art – das sind bekanntlich Chefsachen, bei denen zuständige Stadträtinnen oder andere Obige antanzen, ergreifende Worte von sich geben und symbolisch das zu Eröffnende irgendwie in Gebrauch nehmen bzw. das Angebot erstnutzen. So hatte bei der Eröffnung der neuen Hauptbücherei der Bürgermeister eine riesige Lesekarte überreicht bekommen, ein Buch selbstverbuchungsautomatisch entlehnt und am nächsten Tag durch einen Amtsdiener zurückbringen lassen.

Fototermin mit  tR. Christian Oxonitsch zum Thema Erstentlehnung der Digitalen BüchereiBei der Eröffnung der Virtuellen Bücherei unterwarf sich diesmal der zuständige Stadtrat dem Ritual – die Wahl des Titel dürfte sich aus dem Arbeitsumfeld ableiten lassen:

Die Erstentlehnung tätigte Stadtrat Christian Oxonitsch, indem er sich Henning Mankells Wallander-Krimi Der Feind im Schatten auf seinen Laptop downloadete.

Der amtsdienende Rückgabeakt konnte diesmal entfallen, weil das E-Book nach zwei Wochen eh von selbst unbrauchbar wird.

Bildquelle

Das Ende einer Leihbibliothek durch ergreifendste Sensations-Novellen

boernsteincoverkl„Leichter ging es mir mit der Gründung einer deutschen Leihbibliothek in Paris, die ich auch unternahm und durchführte. In ein Lesekabinet muß man selbst gehen, um die Zeitungen zu lesen, aber die Bücher einer Leihbibliothek umzuwechseln, kann durch dienstbare Geister besorgt werden, und daher ist die Lage der Lokalität nicht so sehr von Wichtigkeit.“
„Diese erste deutsche Leihibliothek in Paris bestand aus ungefähr 10.000 Bänden, die ich nach sorgsamer Auswahl mir in Leipzig hatte zusammenstellen lassen; – die Hälfte davon waren Romane und Henry_BoernsteinklUnterhaltungslekture, die andere Hälfte bestand aus unseren deutschen Klassikern und aus populärwissenschaftlichen Werken, Reisebeschreibungen u. d. m. Das Unternehmen in der Rue Jean Jacques Rousseau No. 8 eröffnet, gegenüber dem Hauptpostamte, also am centralsten Punkte der Weltstadt, fand eine sehr günstige Aufnahme und zahlreiche Abonnenten, und ein gewähltes Publikum, darunter sogar mehrere Franzosen, benützte fleißig die Leihbibliothek, die wirklich einem lang gefühlten Bedürfnisse der Deutschen in Paris entsprach. Ich führte diese Leihbibliothek mit steigendem Glücke bis zur Februar-Revolution fort, dann hatten die Leute andere Dinge im Kopf, als Romane zu lesen; denn sie erlebten ja alle Tage die spannendsten und ergreifendsten Sensations-Novellen, und als ich 1849 Paris verließ und sich in damaliger, aufgeregter Zeit kein Käufer für die Bücher gefunden hatte, nahm ich sie, wie so viele andere überflüssige Dinge, nach Amerika mit ….“

Heinrich Börnstein: Fünfundsiebzig Jahre in der Alten und Neuen Welt. Memoiren eines Unbedeutenden S. 345f (Wien-Bibliothek)

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Zu Börnstein und “das” Pariser Vorwärts! siehe: “Ein ganz besonderes Blatt!”

Klassenkampf, Destillierapparat und Nasszuckerung – Ludwig Gall, erster deutscher Socialist

Ludwig Lampert Gall, geboren am 28. Dezember, entweder 1790, 1791 oder 1794 (wie er selbst indirekt behauptet), wird gelegentlich als erster deutscher Sozialist genannt.
Da er heute möglicherweise seinen 220. Geburtstag hat (oder 221. bzw.- 217.), ein paar aus verschiedenen Quellen abgekupferte Zeilen zu ihm:
Gall ist im Unterschied zu den späteren deutschen Sozialismusvätern wie Moses Hess und den Marxengels nicht vom philosophisch oder politisch erarbeiteten Standpunkt zur Entwicklung seines sozialistischen Systems gekommen.

Ihn führte das soziale Elend der napoleonischen Kriege, die Missernte von 1810 und die Wirtschaftskrise zur Betrachtung und Untersuchung der gesellschaftlichen und ökonomischen Zustände. Galls Bedeutung beruht darin, dass er den klassenmäßigen Gegensatz in der Gesellschaft erkannt und als erster den Begriff des arbeitslosen Einkommens formuliert hat. Seine Gedanken über Erziehung sind späteren sozialistischen Ideen benachbart. Sein Hauptwerk wurde von Goethe rezensiert und ist nicht ohne Einfluss auf den Dichter geblieben. Manche Gedankengänge Goethes, namentlich in Wilhelm Meisters Wanderjahren, darf man auf Gall zurückführen.
So bedeutungsvoll uns heute die Gestalt Galls erscheint, auf seine Zeit und ihre politische Bewegung hat er keinen wesentlichen Einfluss geübt.

Fritz Brügel und Benedikt Kautsky in der Einleitung zu “Der deutsche Sozialismus von Ludwig Gall bis Karl Marx” (1931).(gekürzt und paraphrasiert)

Anläßlich seines heutigen Geburtstages muss man feststellen, dass sein Einfluss auf die politische Bewegung gar nicht so gering gewesen sein kann, dass sie nicht immer noch höher als Galls heutige Wahrnehmung ist.
In dem genannten Werk wird ein Aufsatz von Hermann Püttmann aus dem “Deutschen Bürgerbuch für 1846″ abgedruckt, in der bereits von Gall als einem geschrieben wird, der in Vergessenheit zu geraten droht:

Dass der Sozialismus schon vor fünfundzwanzig Jahren einen eifrigen Vertreter in Deutschland gefunden, dürfte wenig bekannt sein. Ludwig Gall von Trier ist dieser Mann, der damals bereits sich mit der Lage der arbeitenden Klassen und ihrer Verbesserung durch gemeinschaftliches Wirken beschäftigte. Es wird darum unsern Lesern nicht unangenehm sein, etwas Näheres von diesem älteren Sozialisten zu erfahren.

Galls Sozialismus, wie er ihn selbst beschreibt, zusammengefasst:

Wohin ich auch blicken mochte, überall sah ich, daß alle Bedürfnisse des Lebens durch das Ergebnis menschlicher Arbeit befriedigt werden. Und doch sehen wir gerade die arbeitenden Klassen Mangel leiden an allem dem, was sie doch selbst hervorbringen; und umgekehrt, die nicht arbeitenden, aber geldreichen Klassen im Besitz eines Überflusses an allen denjenigen Dingen, die durch Arbeit hervorgebracht werde.

Das Verständnis der Gesellschaft als Klassengesellschaft war damals, 1835, noch nicht common sense und begann sich gerade erst in die Schriften sozialkritischer Autoren hinein zu bewegen. Es lag zwar in der Luft, doch war Gall möglicherweise der erste, der den Gedanken so formulierte, insbesondere weil er bereits in der Broschüre “Was könnte helfen?” aus dem Jahr 1825 im Wesentlichen zu den gleichen Erkenntnissen gekommen war.

Interessant ist folgender Absatz (aus 1835), bei dem einen wie von ungefähr Marxens “Fetisch” im ersten Kapitel des Kapitals einfallen mag, bei aller Unterschiedlichkeit in der Zuordnung:

Durch die Art, wie das Geld von seinen Besitzern gehandhabt, wird es also zu einem Talisman, um sich, ohne zu arbeiten, in den Besitz der meisten und wertvollsten Produkte der Arbeit zu setzen; die Arbeitenden sich dienstbar, zu jedem Preise dienstbar zu machen.

“Woher die Erscheinung, dass die arbeitenden Klassen mit immer steigendem, längst kaum zu ertragendem Elend kämpfen?” fragt Gall weiter – seine Antwort ist auch heute noch bemerkenswert:

Die Quelle alles Übels liegt einzig darin, dass Millionen nichts haben als ihre Arbeitsfähigkeit, und dass der Wert dieser letzteren durch die Maschinenkräfte bestimmt wird; darin, dass der arbeitende Mensch sich mit demselben Preise begnügen muss, wofür eine Maschine seine Arbeit liefern kann.
So die Ursache des Elends der benachteiligten Klassen bis zur Quelle verfolgend, fand ich sie in der Wertlosigkeit der menschlichen Arbeit im Verhältnis zu dem Alles beherrschenden Geldes.

Die Geldprivilegierten und die arbeitenden Klassen stehen sich, durch einander widerstrebende Interessen scharf geschieden, feindlich gegenüber; die Lage der Ersteren verbessert sich in demselben Verhältnis, als jene der Letzteren sich immer mehr verschlimmert, kümmerlicher, elender wird.

Diese im Grunde auch heute noch gültigen Sätze finden sich in einer Broschüre, die den in diesem Zusammenhang denn doch etwas überraschenden Titel trägt:

“Beleuchtung der Förster’schen sogenannten Kritik der gerühmtesten Destillirgeräthe: nebst Vorschlägen zu einem Wettbrennen zwischen denjenigen Apparaten, welche darauf Anspruch machen, die zweckmäßigsten zu seyn”. (digitalisiert)

Der Titel entspricht durchaus dem Inhalt, nämlich der Darstellung einer von Gall erfundenen bzw. verbesserten Destilliermethode – bis zur Seite 54. Ab da werden in einem Anhang “Mein Wollen und mein Wirken” die oben teilweise wiedergegebenen politischen Grundsätze entwickelt und Lösungen vorgeschlagen, die in Produktions- und Güter-Assoziationen der arbeitenden Menschen (vor allem im ländlichen Bereich) gesehen werden. Allerdings ist der Abdruck dieser beiden auf den ersten Blick so gegensätzlich wirkenden Aufsätze in einer gemeinsamen Publikation nicht willkürlich gewählt, sondern, wie Rudolf Singer in “Ludwig Gall, der erste deutsche Socialist”(1894) schreibt:

Gall hoffte nämlich, durch die Verbesserung des Destillierapparats 15-20.000 Rthlr. zu sammeln und dann der “Ausführung seiner Ideen alle seine übrigen Lebenstage zu widmen”

Gemeint war damit die Finanzierung einer Kommune, in welcher Galls Ideen einer Produktions-, Verteilungs- und Wohngemeinschaft praktiziert werden sollte. Doch dazu kam es nicht.
Singer nennt als Galls Leistung, im Anschluss an Ricardo die Arbeit als Quelle allen Wertes zu verstehen und die Unterscheidung von Arbeitslohn und der Rente als arbeitsloses Einkommen zu treffen (vor den Saint-Simonisten und vor Rodbertus).

Im Moselgebiet wurde er auch noch als “Retter des Moselweins” bezeichnet, als er angesichts von Missernten,in denen der Most zu viel Säure und zu wenig Zucker enthielt, die Methode der “Nassverbesserung” oder, wie Wikipedia meint, treffender “Nasszuckerung” entwickelte. Dadurch konnten viele Winzer überleben, der Ruf des Moselweins war aber nachhaltig ruiniert. Doch das ist eine andere Geschichte.

Solche Freunde des Dichters

Die Falter-Redaktion hat wieder mal Lernbedarf offenbart. Denn sich zu wundern, dass ein rassistischer Mörder Mitglied einer italienischen Faschistengruppierung ist, die sich nach Ezra Pound nennt, zeigt offenbar Defizite im Geschichtswissen. Dass Ezra Pound weniger wegen seiner Dichtkunst, sondern wegen seines rabiaten Antisemitismus und seiner Mussolini-Unterstützung als Idol italienischer Faschisten passt, sollte sich eigentlich auch bis zur Falter-Redaktion herumgesprochen haben, die, wenn man den Räsonnements ihres Chefredakteurs folgt, sowas wie der Prototyp von Qualitätsjournalismus ist. Da heißt es aber noch fleißig Geschichte lernen, vielleicht mal mit diesem Link anfangen. Und dann weiter googeln, vielleicht hierher, ehe man so eine unsägliche Notiz verfasst. Kostet nur ein paar Minuten und eine Peinlichkeit bleibt erspart.

Social Media ist nicht sozialistisch. Die Kronenzeitung auch nicht.

Wird der Kanzler bald selbst twittern, Frau Feigl?

fragte der letzte Falter des Jahres.
Die Antwort hat gute Chancen, bei den Sprüchen des Jahres mitzumischen:

Dass der Kanzler selbst twittert, ist vorerst nicht geplant. Was wir aus dem Rummel rund um Facebook außerdem gelernt haben? Dass Social Media leider nicht sozialistisch ist.

Was in der realen Welt das Aufsehen um die Tölpelhaftigkeit von “Parteisekretariat und -poster plakatieren online” war, wird in den Augen der Parteifrau also zum Rummel in so einem Netzwerk halt. Aus dem sie “außerdem” gelernt hätten (was hat wer denn noch gelernt???) , was nicht zu lernen ist, sondern nur zum Begreifen: dass auch in der Social-Media-Welt da draußen hohe Steuergeldzuwendungen nicht den gewünschten Erfolg haben müssen. Bei der Kronen-Zeitung war es seinerzeit zwar noch ein inseratengestützter Anfangserfolg gewesen, als diese den maximal mittelmäßigen Wohnungsstadtrat zum Kanzler pushte, erfolgreicher, als es einst mit der inzwischen untergegangenen Sonne Kärntens versucht worden war. Dass aber gleichzeitig der Ehemann der dann Kanzlersprecherin gewordenen Angelika Feigl in der Kronenzeitung kräftig auf die SPÖ einhieb, war Part of the Game. Es ging ja nicht um den Einsatz für eine bestimmte Politik, sondern nur für ein bestimmtes Face. Durch temporäre Unbotmäßigkeit (auch der Krone-Konkurrenz in Gestalt von Österreich-Leader Fellner, dem Schulhaberer des Kanzlers, wurde kräftig Steuergeld reingeschoben) erlitt Faymann dann aber kronenseitig kräftige Zurückstutzungen und im Kanzleramt wurde die Sprecherin ins hintere Glied geschoben, auf einen Sozialversorgungsposten sozusagen. Weil das so unhübsch klingt, nannte man es im Parteihaus wohl einen Sozial-Medien-Versorgungs-Posten. Möglicherweise durch einen Hörfehler glaubte die ehemalige Sprecherin wohl, dass hier eine Aufgabe für sie warte und begann zu twittern. Eigentlich eröffnete sie für ein halbes Jahr nur einen Twitteraccount und schwieg zumeist vor sich hin.  Aber dann kam der Weltspartag, (oder war es der Staatsfeiertag?) und am Ende erschien Wernher the Facemann in all seiner ungehübschten Peinlichkeit . Doch statt mit Parteigenossen hatte er es mit Spöttern zu tun. Der Rest ist digital.

Was wir außerdem gelernt haben? Dass es für die Faymanns und Feigls ein Glück ist, dass weder Social Media noch die Welt sozialistisch sind. Und die SPÖ keine sozialistische Partei. Ist.

Bibliothekar musste ins Gefängnis

Nach dem Verbot der vor und während der Revolution von 1848 entstandenen Arbeiterverbrüderungsvereine in Sachsen gründeten die Webergesellen Carl Gottlob Stöckl und Friedrich Hasselhuhn um 1850/51 in Glauchau eine “Erholungsgesellschaft”, um unter dieser legalen Vereinsbezeichnung die verbotene Tätigkeit der Arbeiterverbrüderung illegal weiterzuführen. Vermutlich verbarg sich hinter dieser “Erholungsgesellschaft” eine Gemeinde des in den letzten Zügen liegenden Kommunistischen Bundes.
Am 18. Juni 1851 fand bei Gottlieb Stöckl eine Hausdurchsuchung statt, die offenbar belastendes Material gefunden hat. Denn in einem Prozess in Glauchau wurden Stöckl und die weiteren Mitglieder des ehemaligen Bezirkskomitees der Arbeiterverbrüderung – die Webergesellen Bernhard Herden aus Langenbielau, Christian Zimmermann und Ludwig Fritzsche – sowie der Bibliothekar der Erholungsgesellschaft Adrian Heller zu drei- bis vierzehntägigen Gefängnisstrafen verurteilt; Herden und Zimmermann wurden aus Sachsen ausgewiesen. Die Erholungsgesellschaft bestand bis mindestens Ende 1851.

Quelle: Herwig Förder: Der Bund der Kommunisten. Dokumente und Materialien Bd. 2 S. 756f.